Bad Sobernheim: Urteil gegen falschen Diplom-Psychologen gibt...

Marion Handschuh im Kinderzimmer ihrer zehnjährigen Tochter. Nur alle vierzehn Tage darf diese zu Besuch kommen. Foto: Wolfgang Bartels

Rund 500 falsche Gutachten hat ein angeblicher Diplom-Psychologe aus Idar-Oberstein gestellt, zu drei Jahren Haft ist er verurteilt worden. Auch in der Region leben verzweifelte...

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BAD SOBERNHEIM / RÜDESHEIM. „Er behauptete, ich sei drogen- und alkoholabhängig, aber ich hatte mit so etwas nie zu tun.“ Marion Handschuh (52) hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht mit einem Mann, der sich Diplom-Psychologe nannte, doch jetzt vom Landgericht Bad Kreuznach wegen gewerbsmäßigen Betruges zu zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Im Jahre 2010 hatte der Mann ein familiengerichtliches Gutachten über die Familie Handschuh erstellt, in der sich Vater und Mutter zerstritten hatten. Es war eines von rund 500 Gutachten, mit denen sich der Mann auf einer Facebook-Seite gebrüstet hatte. Ergebnis damals: Völlig überraschend wurde der Mutter die Tochter weggenommen, die damals dreieinhalb Jahr alt war: „Ich habe sie morgens in den Kindergarten gebracht, mittags war sie weg.“

Auf der Grundlage des Gutachtens hatte das Sobernheimer Gericht verfügt, dass das Kind zum Vater kommt. Ein Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf stellt sogar ausdrücklich fest, dass dieses Gutachten ausschlaggebend gewesen sei für den Kindesentzug. Heute ist die Tochter zehn Jahre alt. Alle vierzehn Tage fährt Marion Handschuh an den Niederrhein, um die Tochter fürs Wochenende zu holen und dann wieder zurückzubringen: „Tausende Euro habe ich alleine schon für die Fahrtkosten ausgegeben.“

Dass ihr aufgrund eines nicht verwertbaren Gutachtens das Kind weggenommen wurde, ist kein Einzelfall. Sie schätzt, dass es in diesem Fall mindestens 100 nicht gerechtfertigte Kindeswegnahmen wegen falscher Gutachten gab. Marion Handschuh hat den Prozess im Bad Kreuznacher Landgericht verfolgt. Als „Scharlatan und Lügner“ hatte der Richter den 44-jährigen Mann aus Idar-Oberstein bezeichnet. Und eigentlich war es auch Marion Handschuh gewesen, die ihn schließlich vor den Kadi gebracht hat. Sie ging einem Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Idar-Oberstein so lange auf die Nerven, bis dieser von dem Möchtegern-Psychologen die Vorlage des Diploms verlangte. Das vorgelegte Stück Papier, ein Diplom angeblich erstellt von der Universität des Saarlandes, erwies sich als plumpe Fälschung – und das Verfahren gegen den Mann begann zu rollen.

„Kind sagt, dass es zurück zur Mama will“

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Marion Handschuh muss jetzt zum Bahnhof, sie will die Tochter übers Wochenende holen: „Das Kind sagt händeringend, dass es zur Mama zurück will.“ Das Kreuznacher Urteil könnte ihr dabei helfen, die Kleine ganz zurückzuholen. Zurzeit läuft ihre Klage auf Übertragung des Sorgerechts beim Amtsgericht Viersen: „Dort werde ich das Urteil einbringen, damit der Richter endlich einmal etwas genauer hinsieht.“ Es sei bitter genug, dass die falschen Gutachten erst nach so langer Zeit aufgefallen seien. Rechtskräftig ist das Urteil gegen den Hochstapler allerdings noch nicht, er hat Revision eingelegt.

Auch Andreas Herrmann (44) bekam im Jahre 2012 seine beiden Söhne weggenommen. Die beiden Jungen, jetzt 13 und 11 Jahre alt, leben in Oberhausen im Ruhrgebiet bei der Mutter. Auch in diesem Fall gab ein Gutachten des Idar-Obersteiner Mannes für das Bad Kreuznacher Familiengericht den Ausschlag. Der angebliche „Diplom-Psychologe“ bescheinigte nach einem kurzen Gespräch mit den Kindern: „Die Kinder möchten nicht beim Vater bleiben. Sie sagen: Papa ist böse.“ Angeblich habe der Vater die Kinder sogar geschlagen, was allerdings niemals belegt wurde. Auch Herrmann zieht nach der Verurteilung des Gauklers eine bittere Bilanz: „Irgendwie sind mir die Kinder jetzt entfremdet, selbst wenn ich sie einmal im Monat sehen darf. Ich hoffe, dass die Kinder wieder zurück zu mir kommen dürfen. Wegen der gefälschten Gutachten müsste doch alles eigentlich von neuem aufgerollt werden.“