Demonstration gegen Neonazis am Bretzenheimer Mahnmal

Innenminister Roger Lewentz warnt vor rechtsextremistischen Gruppen: „Mehr kann man für die Demokratie nicht tun, als hierher zu kommen.“ Die vielen bunten Regenschirme sollen zeigen, dass die Demokratie nicht im Regen stehen darf. Foto: Wolfgang Bartels

300 Teilnehmer protestierten mit einer „Meile für Demokratie“ gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten am Mahnmal „Feld des Jammers“ bei Bretzenheim. Zu Gast: der Innenminister.

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BRETZENHEIM. „Man kann nicht mehr schweigen“, erklärte der Bretzenheimer Ortsbürgermeister Olaf Budde anlässlich der „Meile für Demokratie“, zu der mehr als zwanzig Organisationen, vom Deutschen Kinderschutzbund bis zur Alternativen Jugendkultur, am Bretzenheimer Mahnmal „Feld des Jammers“ aufgerufen hatten. Anlass dazu waren die Ankündigungen mehrerer rechtsextremer Gruppen, das Mahnmal für ihre Propaganda zu missbrauchen, wie auch schon in früheren Jahren. Doch zum ersten Mal kamen auch Bürger aus Bretzenheim mit ihrem Bürgermeister an der Spitze, um mit allen anderen Teilnehmern ein Signal für Vielfalt und Toleranz auszusenden. Budde erklärte, die Bretzenheimer hätten sich lange zurückgehalten, weil es ihnen gegen den Strich gehe, dass das Mahnmal für politische Demonstrationen missbraucht werde. Dies hier sei aber eine Kundgebung für die Demokratie: „Ich finde es toll, dass so viele junge Leute Zeichen gegen Rassismus und Nationalismus setzen wollen, gegen alle, die nicht aus der Geschichte lernen wollen.“

Innenminister Roger Lewentz warnt vor rechtsextremistischen Gruppen: „Mehr kann man für die Demokratie nicht tun, als hierher zu kommen.“ Die vielen bunten Regenschirme sollen zeigen, dass die Demokratie nicht im Regen stehen darf. Foto: Wolfgang Bartels
Ein Dutzend Zelte, aufgebaut auf der Bundesstraße 48, markierten die „Meile für Demokratie“ am Bretzenheimer Mahnmal für das „Feld des Jammers“. Gut 300 Teilnehmer setzten sich ein für Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit. Foto: Wolfgang Bartels

Innenminister Lewentz lobt Teilnehmer für Engagement

Gut 300 Teilnehmer waren dem Aufruf des Bündnisses „Kreuznach für Vielfalt“ gefolgt. Auf der Straße vor dem Mahnmal waren ein Dutzend Stände aufgebaut, eine kleine Ausstellung informierte über das Schicksal des jüdischen Mädchens Anne Frank. Die Teilnehmer hatten bunte Schirme mitgebracht, um auszudrücken, „dass die Demokratie nicht im Regen stehen darf“. In diesem Jahr, so Mitorganisator Manfred Thesing, sei die Zusammenarbeit mit der Polizei reibungslos gewesen, viel besser als in den Jahren zuvor. Kein Wunder: Hatte sich doch der oberste Dienstherr, Innenminister Roger Lewentz, als Hauptredner angekündigt. Lewentz erklärte, nur in Vielfalt funktioniere das demokratische Zusammenleben: „Wir müssen tagtäglich für unsere Demokratie Flagge zeigen. Und Sie alle zeigen hier Flagge.“ 24 000 Rechtsextremisten gebe es in Rheinland-Pfalz – „und das sind diejenigen, von denen aktuell die größte Gefahr für unseren Rechtsstaat ausgeht“. An die Veranstalter gerichtet erklärte Lewentz: „Ich bin Ihnen dankbar. Mehr kann man für die Demokratie nicht tun, als hierher zu kommen. Ich fühle mich Ihnen sehr verbunden.“

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Die Nächste auf der Rednerliste war Oberbürgermeister Heike Kaster-Meurer. Kurz entschlossen drückte sie dem Innenminister ihre Handtasche in den Arm, um die Hände frei fürs Mikro zu bekommen. Sie erklärte: „Ich bin sehr froh, dass so viele Menschen hier sind. Das braucht Bad Kreuznach immer wieder.“ Es gehe um das Miteinander in der Stadt. Sie beklagte, dass die öffentliche Beschämung Teil der Alltagskultur geworden sei. Sie berichtete von jüngsten Sitzungen, bei denen ihre Kritiker überhaupt nicht an Argumenten, sondern nur an Diffamierung unter der Gürtellinie interessiert gewesen seien. Astrid Peekhaus, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises an Nahe und Glan betonte mit Blick auf das „Feld des Jammers“: „Dieser Ort ist ein Ort der Erinnerung und des Mahnens. Nie wieder dürfen Hass und Gewalt zu solch vernichtenden Kriegen führen.“ Das Erstarken der AfD bereite ihr große Sorge, weil rechtsextremistische Kräfte diese Partei immer stärker als Plattform nutzen. Sie erinnerte an die Losung des aktuellen Kirchenjahres: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ In diesem Moment flog eine Gruppe Schwäne dicht über die Köpfe der Kundgebungsteilnehmer. Schlagfertiger Kommentar von Ausländerpfarrer Siegfried Pick: „Mir schwant Gutes.“ Doch erst einmal mussten die Teilnehmer den Platz vor dem Mahnmal räumen. Mit der Polizei war abgesprochen, dass es keine direkte Konfrontation mit den Rechtsextremen geben soll.

Nachdem sich die Teilnehmer zu den Zelten an der „Meile für Demokratie“ zurückgezogen hatten, kam ein kleiner Trupp Neonazis aus der inzwischen aufgezogenen Dämmerung, um aus den Kriegsgefangenen, die hier gelitten haben, „Helden“ für ihren Kampf gegen Demokratie und Gleichberechtigung zu machen. Das war der Missbrauch des Mahnmals, vor dem Ortsbürgermeister Olaf Budde gewarnt hatte. Manfred Thesing bedankte sich bei Budde und den Bretzenheimern für ihr Erscheinen und erklärte: „Wir bitten um Verständnis, dass wir nicht zuhause sitzen bleiben können, wenn hier die Neonazis aufmarschieren.“ Budde klatschte Beifall.