Das Alltägliche im Blick: Wolfgang Bickel ist ein Experte...

Im Keller des Hauses von Wolfgang Bickel stapeln sich Blutschüsseln und andere historische Keramikgefäße. Foto: pa/Axel Schmitz  Foto: pa/Axel Schmitz

Sein Besucher hat nur ein paar Schritte hinein ins Haus gemacht, da hat Dr. Wolfgang Bickel schon die erste Geschichte zu erzählen. „Schauen Sie mal, das ist ganz...

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ARMSHEIM. Sein Besucher hat nur ein paar Schritte hinein ins Haus gemacht, da hat Dr. Wolfgang Bickel schon die erste Geschichte zu erzählen. „Schauen Sie mal, das ist ganz interessant“, sagt er und deutet hinauf zur Wand über der Terrassentür. In schmalen Regalen reihen sich dort Schüsseln aus Keramik aneinander, allesamt stammen sie aus Rheinhessen, allesamt haben sie einst dazu gedient, das Blut frisch geschlachteter Schweine aufzufangen.

Über 50 Blutschüsseln umfasst Wolfgang Bickels Sammlung mittlerweile, das älteste Exemplar stammt aus dem Jahr 1810. Die, die es nicht an die Wand der Wohnstube geschafft haben, hat er im Keller aufgestellt. Einigen von ihnen haftet auch nach mehr als einem Jahrhundert noch der strenge Geruch nach Schwein an.

„Ein Sammlerhaus“ nennt Bickel seine vier Wände am Armsheimer Ortsrand. Und stapelt damit beinahe tief: Wer das Ehepaar Bickel besucht, betritt quasi Museum, Bibliothek und Kunstausstellung in einem.

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Fast sein ganzes Leben lang schon hegt Wolfgang Bickel eine Leidenschaft für die Vergangenheit. Geschichte, Volkskunde, Kunsthistorie – stundenlang kann der 78-Jährige über diese Themen sprechen und tut das auch gerne und oft, sehr viel lieber als über sich selbst. Immer wieder steht Bickel während des Pressegesprächs auf, zieht selbst verfasste Bücher und Bildbände aus Regalen. In seinem Arbeitszimmer, wo auf einem Stuhl ein gelbes Kissen mit der Aufschrift „Mut zur Muße“ liegt und er einen Panoramablick über die rheinhessischen Felder genießt, beginnen seine Sätze oft mit: „Hier zum Beispiel...“

Bickel spricht das Wort Beispiel mit spitzem „S“ aus, seine norddeutsche Herkunft kann und will er auch nach Jahrzehnten in Rheinhessen nicht verleugnen. Das ist auch der Grund, warum er, der in Braunschweig aufgewachsen ist, sich immer ein bisschen dagegen wehrt, in der Region als Heimatkundler bezeichnet zu werden. „Ich komme ja schließlich nicht von hier.“

Gleichwohl hat sich der einstige Gymnasiallehrer – unter anderem für Ethik, Deutsch und Geschichte – in seinem heutigen Wohnort schnell zum Experten fürs Historische entwickelt. „Aber mit Blick von außen“, wie er betont. Er interessiere sich für die gesamte Region Rheinhessen, Armsheim sei nie Ausgangspunkt oder gar Zentrum seiner Forschungen. „Aber ich komme bei meiner Arbeit immer wieder darauf zurück.“

Beispiele – mit spitzem „S“ – gibt es zuhauf: 2004 veröffentlichte Bickel ein Buch über die evangelische Kirche „Zum heiligen Blut“, in den Alzeyer Geschichtsblättern befasste er sich eingehend mit der Marienfigur in der Obergasse. Auch ist er maßgeblich mitverantwortlich dafür, dass es in Armsheim heute einen Platz der Menhire gibt.

In den Mittelpunkt seiner Arbeit hat Wolfgang Bickel das Alltägliche gestellt, eben jene mitunter unscheinbaren Objekte, an denen Menschen täglich vorübergehen, unwissend, welche Geschichte sich dahinter verbirgt. „Mich interessiert das, was andere unerheblich finden“, sagt er. „Aber es gibt nichts Unerhebliches in der Welt.“

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So publizierte Bickel in den 80ern einen Bildband über rheinhessische Weinbergshäuschen, lange bevor über etwaige Vermarktungsmöglichkeiten von Trullo und Co. nachgedacht wurde. Von Siefersheim bis Maikammer fotografierte, vermaß und kartografierte er damals ein Häuschen nach dem anderen. In seinem Dorf Armsheim ist er zudem seit einiger Zeit dabei, alle historischen Hausinschriften zu erfassen. Hinweise aus der Bevölkerung nimmt er dabei gerne entgegen.

Woher seine Sammelleidenschaft stammt, ja, das wisse er eigentlich selbst nicht so genau, sagt Wolfgang Bickel. Schon als Jugendlicher habe er Käfer und Schmetterlinge gefangen – und aus Mitleid ebenso schnell wieder damit aufgehört. „Mein buddhistisches Urerlebnis“, sagt der 78-Jährige lachend.

In jedem Fall richte sich sein Sammeltrieb stark danach, wo er sich gerade befinde. An der Küste sammle er Muscheln, in Bayern Holzzäune. Zäune? „Sie glauben ja gar nicht, wie viele verschiedene es davon gibt“, sagt Wolfgang Bickel. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte...