Gift-Prozess: Wie die Angeklagte auf die Mitarbeiter wirkte

Vor dem Landgericht Darmstadt wird der Prozess gegen eine Frau, die Getränke und Lebensmittel an der TU mit Chemikalien versetzt und damit Menschen vergiftet haben soll, fortgesetzt.

Angestellte der TU Darmstadt waren im Prozess um den Giftanschlag im Zeugenstand vor dem Landgericht Darmstadt, um ihre Ansichten über die angeklagte Mainzerin zu schildern.

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Darmstadt. „Meinst Du nicht, das war eure seltsame Studentin?“ So eine Frage stellte eine erwachsene Tochter ihrer 63 Jahre alten Mutter, als ab dem 23. August 2021 von einem Giftanschlag auf Angehörige der Technischen Universität Darmstadt berichtet wurde. Dies war am Freitag im Darmstädter Landgericht beim fünften Prozesstag Teil der Aussage der 63 Jahre alten Zeugin. Die GSI-Mitarbeiterin teilte sich ihr Büro im GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung mit einer Werkstudentin vom TU Fachbereich Materialwissenschaften.

Die inzwischen ehemalige Studentin steht seit Anfang November vor dem Darmstädter Landgericht. Sie wird von der Staatsanwaltschaft des versuchten Mordes beschuldigt. Die 33-Jährige soll laut Anklage mit einem Chemikaliengemisch, das sie in Honig, H-Milch und Wassertanks von Kaffeemaschinen gab, versucht haben, sieben Menschen im Fachbereich Materialwissenschaften auf dem Campus Lichtwiese zu vergiften.

Angeklagte fühlte sich von Institutionsangehörigen verfolgt

Bei der Mainzerin wurde eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert, sodass die Staatsanwaltschaft beantragt hat, die Frau in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik unterzubringen. Tatmotiv ist für die Ermittler, dass sie sich von Institutsangehörigen verfolgt glaubte. Am Freitag sagten GSI-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über ihre ehemalige Werkstudentin aus und schilderten, dass die Frau sich mit der Zeit immer merkwürdiger verhalten habe. Die Schilderungen ähnelten dem, was Angehörige des Fachbereichs Materialwissenschaften über die Beschuldigte ausgesagt hatten.

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„Sie hat Sicherheitsdatenblätter von Chemikalien aktualisiert, die bei der GSI verwendet werden“, beschrieb die 63 Jahre alte Zeugin die Aufgabe der Werkstudentin. „Sie hat nichts privates erzählt“, sagte die Technikerin, aber allgemeines habe man anfangs schon miteinander gesprochen. „Sie war sehr zurückhaltend und schüchtern und sehr weiß im Gesicht“, beschrieb die Zeugin ihre ehemalige Bürogenossin. Zeitweise sei sie nicht an ihrem Arbeitsplatz gewesen, sagte sie aus. 2020 sei sie dann mit einer FFP2-Maske gekommen und habe den Bereich zwischen ihren beiden PC-Monitoren mit Papier dicht gemacht, so die Technikerin. „Sie war total verändert und hat gar nichts mehr gesagt.“

„Die gefundenen Stoffe sind keine Gifte im klassischen Sinn, sondern typische Laborchemikalien mit toxischem Potenzial“

DK
Dr. Klaus Möbus Hessisches Landeskriminalamt

Eine GSI-Mitarbeiterin vom Gesundheitsmanagement beschrieb, dass die Werkstudentin sie im Juli 2020 beschuldigte habe, sie zu stalken. „Das war für mich vollkommen aus der Luft gegriffen“, sagte die Ingenieurin. Die Studentin habe in einer E-Mail an die GSI-Rechtsabteilung behauptet, sie würde verfolgt, cybergemobbed und getrackt. Ein Indiz für die Studentin sei gewesen, dass eine von ihr gelöschte E-Mail wieder aufgetaucht sei.

Giftcocktail mit Brom-Anilin

Über die am 23. August 2021 verwendeten Chemikalien erstatteten zwei Sachverständige ihre Gutachten. „Die gefundenen Stoffe sind keine Gifte im klassischen Sinn, sondern typische Laborchemikalien mit toxischem Potenzial“, sagte der Chemiker Dr. Klaus Möbus vom hessischen Landeskriminalamt. Die Substanzen waren vergällter Alkohol, Aceton (kennt man als Nagellackentferner), Butandiol (eine K.o.-Tropfen-Vorstufe), Isopropanol (gibt es auch im Rasierwasser), Acetoaceton (ein Synthesebaustein), Ethylenglykol (auch ein Frostschutzmittel) und Brom-Anilin. Die giftigste Substanz sei das Brom-Anilin, erläuterte der Toxikologieprofessor Dr. Stefan Tönnes von der Rechtsmedizin der Uni Frankfurt. Brom-Anilin verwandelt den roten Blutfarbstoff Hämoglobin in Methämoglobin. Blut mit Hämoglobin ist rot, mit Methhämoglobin werde es braun, beschrieb der Toxikologe. „Methämoglobin bindet keinen Sauerstoff“, erklärte der Professor. Zudem bewirke Methämoglobin, dass benachbartes Hämoglobin seinen Sauerstoff schlechter abgebe.

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Den Giftcocktail fand Stefan Tönnes aber nicht überzeugend. Aceton habe einen stechenden Geruch, der störe, wenn man jemanden etwas „unterjubeln“ wolle. Und von Alkohol, Butandiol und Ethylenglykol bräuchte man größere Mengen. Die Substanzen verstärken die Wirkung des Brom-Anilins nicht. „Höchstens als Lösungsmittel“, seien die Stoffe interessant, erklärt Stefan Tönnes. Brom-Anilin löst sich schlecht in Wasser, aber gut in organischen Lösungsmitteln.

Die Behandlung der am stärksten betroffenen Mitarbeiter mit Toluidinblau im Krankenhaus und Rettungswagen nannte der Toxikologe „wahrscheinlich lebensrettend“. Toluidinblau ist ein bekanntes Gegengift gegen Methämoglobinbildner, die auch in Pestiziden vorkommen können.

Der Prozess wird am Dienstag, 22. November, um 9 Uhr fortgesetzt.