Trommelnd und tanzend ein Zeichen gesetzt

Die Teilnehmer konnten persönliche Statements auf vorbereiteten „Ich erhebe mich“-Plakaten formulieren. Foto: Mittler

Sarra Elasri steht auf der großen Bühne auf dem Kornmarkt. Sie trägt eine rote Schleife im Haar. Die Farbe der Solidarität. Ihre Stimme droht zu kippen, Tränen steigen der...

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BAD KREUZNACH. Sarra Elasri steht auf der großen Bühne auf dem Kornmarkt. Sie trägt eine rote Schleife im Haar. Die Farbe der Solidarität. Ihre Stimme droht zu kippen, Tränen steigen der jungen Frau in die Augen. Man kann nur ahnen, welch schlimme Zeiten hinter der gebürtigen Marokkanerin liegen als sie im Interview mit Moderatorin Sabine Schossig-Rövenich andeutet, auf unterschiedlichste Art während ihrer zwölfjährigen Ehe von ihrem (heute Ex-) Mann drangsaliert worden zu sein.

Die Teilnehmer konnten persönliche Statements auf vorbereiteten „Ich erhebe mich“-Plakaten formulieren. Foto: Mittler
Der Chor DonnaWetter (unten li.) sang unter anderem dem Kampagnensong „Break the Chain“. Dazu wurde die offizielle Choreografie getanzt – „um die Ketten zu sprengen“. Foto: Mittler
Die Veranstalter hatten gebeten, dass Kinder, Frauen und Männer am Aktionstag „One Billion Rising“ die Signalfarbe Rot als Zeichen der Solidarität tragen. Ein Blick auf die Menge auf dem Kornmarkt (unten re.) bewies, dass sich viele daran hielten. Foto: Mittler

„Eine richtige Klatsche“ habe sie dann veranlasst, aus der familiären Lage zu flüchten. Bundesweit suchte sie nach Hilfe, im Kreuznacher Frauenhaus fand sie schließlich einen Platz. Beim Aktionstag „One Billion Rising“ hatte die ehemalige Bewohnerin, deren größter Wunsch es ist, endlich wieder mit ihren Kindern vereint zu sein, dann wirklich die Kraft, vor Publikum zu treten und an ihre bewegten Zuhörer zu appellieren: „Gebt nie die Hoffnung auf, kämpft, denn irgendwo ist immer jemand da, der euch hilft.“

Pfeifend, trommelnd und tanzend, so hatten sich rund eine Stunde zuvor, am 14. Februar, rund 800 Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer vom Bahnhof aus auf den Weg ins Stadtzentrum gemacht, um optisch und akustisch ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen. Die Gewalt, die weltweit heute laut UN-Statistik noch immer jede dritte Frau betrifft (also schätzungsweise eine Milliarde), war Auslöser der „One Billing Rising“-Kampagnen, die 2012 von der New Yorker Künsterlin Eve Ensler, selbst ein Opfer von Gewalttaten, ausgegangen war. Seither nimmt die Zahl der Teilnehmer an diesem zeitgleich durchgeführten globalen Streik Jahr für Jahr zu. Bad Kreuznach erhob sich erstmals mit den Gewaltgegnern weltweit. Die Nahestadt gehörte damit zu den 200 Orten, die 2019 in Deutschland das Thema weit über den 14. Februar hinaus ins öffentliche Bewusstsein rücken wollen. In den sozialen Medien wurde schon im Vorfeld des Aktionstages darauf hingewiesen, dass am Valentinstag nicht nur Liebe, Blumen und Kommerz dominieren. Vor allem junge Leute riefen mit dazu auf, Flagge zu zeigen, nicht zu schweigen, nicht wegzuschauen, sich einzumischen und mit auf die Straße zu gehen. „Keine Frau und kein Mädchen der Welt hat es verdient, von einem Mann gedemütigt oder misshandelt, vergewaltigt oder geschlagen zu werden. Keine“, schrieb zum Beispiel die Kreuznacher Gymnasiastin Alexandra.

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Bevor unter dem Kreuznacher Abendhimmel gemeinsam zum Kampagnensong „Break the Chain“ (Spreng die Ketten) getanzt und symbolisch „Stopp“ zu körperlichen Misshandlungen, verbalen Übergriffen, Demütigungen oder Vergewaltigungen signalisiert wurde, hatten Oberbürgermeisterin Dr. Heike Kaster-Meurer, Landrätin Bettina Dickes, Andrea Maas (Leiterin der Erziehungs- und Familienberatungsstelle) sowie Petra Wolf (Leiterin des Frauenhauses) das Wort ergriffen. Letztere erinnerte daran, dass 1990 das Kreuznacher Frauenhaus eröffnet wurde und seither dort 3000 Frauen und Kinder Schutz, Unterkunft und Beratung gefunden haben. Viele Unterstützungsangebote und Gesetzesänderungen seien seither hinzugekommen.

Hoffnung setzt sie in die „Istanbuler Konvention“, die 2018 inkraftgetreten ist. Bekämpfung häuslicher Gewalt sei weiter staatliche Verpflichtung, „und wir werden nicht locker lassen, die Politik daran zu erinnern.“ Für alle Männer, die sich ihren gewaltbereiten Brüdern in den Weg zu stellen bereit sind, sprach Reiner Schmitt (Netzwerk Kindesschutz). „Wie sollen sie uns sonst trauen, die Frauen, wenn wir nicht aufstehen für ein Ende der Gewalt gegen Frauen?“ Trotz des traurigen Themas ging „One Billion Rising“ optimistisch zuende. Eine Intention, die der Frauenchor „DonnaWetter“ bei seinem Einsatz für die Rechte der Frau stets lebt, wie Leiterin Sandra Weiss betonte. Mit „We are family“ gab es eine musikalische Botschaft, die ankam.