In der Traubenstraße wuchs nie Wein

Bad Kreuznach. In der Schöffenstraße gibt es kein Gericht, in der Eichstraße kein Eichamt, in der Traubenstraße keinen Weinbau. Schon gar nicht betrieb man ihn dort am 1....

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. Bad Kreuznach. In der Schöffenstraße gibt es kein Gericht, in der Eichstraße kein Eichamt, in der Traubenstraße keinen Weinbau. Schon gar nicht betrieb man ihn dort am 1. Dezember 1880, als die westlichste der Parallelstraßen diesen Namen erhielt. Denn damals galt der Grundsatz: "Wo ein Pflug kann gehen, soll kein Rebstock stehen." Dafür stand nahebei, zwischen Mühlen-, Kilian- und Wilhelmstraße, die "Traube" (Mühlenstraße 46).

"Nach der 1861 eröffneten Gastwirtschaft" sei, so heißt es im 1943-er Adressbuch, die Straße benannt. Die künftige "Traube" war eines der ersten Häuser außerhalb der alten Stadtmauer. Als Schankwirtschaft "vor dem Mühlen-thore" wurde sie am 15. November 1807 von Wilhelm Weinkauff eröffnet, der "guten Wein und billige Bedienung" verhieß. Das Einwohnerregister vom 17. April dieses Jahres führt Weinkauff noch in der Mühlenstraße 32, wo 1817 dann seine Witwe Catharina "Wirthin" sein wird.

Seit 1821 ist in der Mühlenstraße 46 - seinerzeit Hausnummer 946 - Wilhelms Sohn Franz als "Schenkwirth" nachweisbar, seit 1839 dann Joseph Fischborn. 1877, inzwischen unter Fischborns Schwiegersohn Heinrich Stumpff und der Hausnummer 1136, firmiert der Betrieb als Gasthaus "Zur Traube". Zu dieser Zeit zählt die spätere Traubenstraße ganze sechs Häuser, die noch zur Viktoria-straße gehören. Fünf davon waren bereits 1864 vorhanden, nämlich Traubenstraße 10, 16, 18, 20 und 30, bewohnt von Tagelöhnern (3), Maurern (2), Kammmachern (2) und je einem Küfer und Fabrikarbeiter.

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Wenigstens eine einst stadtbekannte Persönlichkeit weist uns das Adressbuch von 1921/22 nach: "Müller Philipp, Kassenführer und Antiquar, Traubenstraße 14." Begonnen hatte er als Anstreicher, Kostümverleiher und Raubgräber. Sein Leben beschloss Müller als städtischer Museumsaufseher.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, erlebte die "Traube" eine traurige Episode. Am 17. März 1945 überquerten US-Truppen die Nahe. In der Wilhelmstraße wurde ein Sherman-Panzer mit einer Panzerfaust angegriffen. "Plötzlich eine Stichflamme über dem Panzer", beobachtete der spätere Bürgermeister Karl Kuhn. "Eine wütende Schießerei beginnt. Ein Unschuldiger muss sein Leben lassen." Es war der Wirt Hermann Stumpf. Seit Mitte der 1970-er Jahre ist dieser Schauplatz der Geschichte aus dem Stadtbild verschwunden.