Berliner Compagnie gastiert in Kreuznacher Loge

Die Berliner Compagnie zeigte ihr Stück „Die Sehnsucht nach dem Frühling“, das aufzeigt, wie sich der Krieg in Syrien tief in die Familien hinein auswirkt. Foto: Claudia Römer

Im Zentrum des Theaterstücks der Berliner Compagnie, die in der Kreuznacher Loge gastierte, steht eine syrische Familie, die sich als genauso zerrissen erweist wie ihr Heimatland.

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BAD KREUZNACH. „Ein schwerer Stoff“ und „Morgen Abend bitte noch einmal und dann langsam!“ waren nur einige der Kommentare nach dem Ende eines Theaterstücks, das intensiver nicht hätte sein können. Zeitweilig herrschte absolute Stille in der gut besuchten Loge, als das Ensemble der Berliner Compagnie seine „Welturaufführung“ der jüngsten Theaterproduktion präsentierte. Diese überzeugte durch ihren Minimalismus in der Auswahl der Kulisse und benötigter Requisiten.

Aus friedlichem Protest wird blutige Auseinandersetzung

Im Mittelpunkt des Geschehens standen die höchst sensibel aufspielenden Akteure, die auf die Kraft des Wortes und des Ausdrucks setzten und einzig Stühle auf der Bühne zuließen. So verdichtete sich die Intention ihres Stücks mit dem verheißungsvollen Titel „Die Sehnsucht nach dem Frühling“. Blättert man zurück, so beobachtet man einen im März 2011 friedlich beginnenden Protest gegen die repressive Diktatur Baschar al-Assads. Als Präsident Syriens, studierter Augenarzt und Freund des technischen Fortschritts ermöglichte er einst den sogenannten Damaszener Frühling und brachte demokratische Reformen. Doch die Hoffnung auf ein blühendes Land sollte sich schnell als Täuschung herausstellen. Ein blutiger Krieg wurde entfacht, der nicht nur Syrien entzweite, sondern zudem tief in Familien eingriff und sie zu zerreißen drohte.

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Die junge sunnitische Journalistin Suleika ist Demonstrantin der ersten Stunde. Ihr Stiefvater, Alawit und Oberst der Arabisch-Syrischen Armee, wird zu ihrem Gegner. Walid, ihr Verlobter und anfänglicher Verbündeter, radikalisiert sich zusehends und schließt sich der Al-Nusra-Front an. Nur Dawud, ihr Halbbruder und christlicher Militärarzt, bleibt ihr Vertrauter. Mutter Aischa, Angehörige der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft, versucht alles, um ihre Familie in dieser sie alle belastenden Zeit zusammenzuhalten: „Die wahre Religion ist die Liebe. Der Islam meint Barmherzigkeit.“ Doch diese Liebe, dieses Vertrauen und der innerfamiliäre Zusammenhalt sind aufs Schwerste erschüttert.

Das, was Suleika und den Ihren widerfährt, steht stellvertretend für so viele andere. Seit 2011 bis heute haben fast eine halbe Million Menschen ihr Leben lassen müssen. 13 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, weitere 11 Millionen befinden sich auf der Flucht. Viele von ihnen suchten eine neue Heimat in Deutschland, wo sie einerseits auf offene Arme stießen, andererseits auf unverhohlenen Hass. Das Ensemble der Berliner Compagnie zeigt in aller Deutlichkeit die Brisanz dieses Themas, sie reduziert auf einige wenige Ereignisse und doch wird eines ganz klar: Deutschland ist politisch und militärisch in den Konflikt involviert und trägt Verantwortung. Durch die Einmischung von außen entwickelte er sich zu einem Stellvertreterkrieg. Das Einzige, was helfen kann, sind Waffenstillstand, Verhandlungen, Wiederaufbau und Demokratisierung.

„Die Friedensverhandlungen müssen offen sein für alle!“ „Gebt einander ein Zeichen des Friedens!“ Suleikas Familienglück jedoch ist verloren. Das Stück und die Intensität des Spiels lassen den Betrachter noch lange nicht los.