„Neger“ entspringt Sklaverei

Museumspädagoge Sebastian Kreisel zeigt die alte Pappschachtel für Garnrollen, auf der zu lesen ist: „12 kleine Negerlein retten den Strumpf".Foto:  photoagenten/Carsten Selak  Foto:  photoagenten/Carsten Selak

Eine kleine, grün bedruckte Schachtel steht im Mittelpunkt des Museumsnachtischs. „Wir haben vor Weihnachten ein Konvolut mit Haushaltswaren bekommen“, erzählt...

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ALZEY. Eine kleine, grün bedruckte Schachtel steht im Mittelpunkt des Museumsnachtischs. „Wir haben vor Weihnachten ein Konvolut mit Haushaltswaren bekommen“, erzählt Museumspädagoge Sebastian Kreisel. „Da war auch diese Packung mit Stopfgarnen dabei. Der Markenname war Neger-Garn.“ Die Packung stammt aus den 1920er/1930er Jahren und enthält zwölf kleine Stopftwistknäuel in fein abgestimmten Beige- bis Brauntönen, zum Stopfen von Damenstrümpfen.

Markenname war offenbar sehr einprägsam

Die waren damals nicht so fein wie die Nylons, aber recht teuer, das Stopfen lohnte auf jeden Fall. Hersteller war die Firma Gebrüder Wolf, Negergarnfabrik aus Neukirch/Pleisse. Der Name „Negergarn“ nimmt jedoch nicht etwa Bezug auf die Farbe der Garne – es gab bei der Firma Wolf auch bunte Garnsortimente – sondern auf die Qualität der Farbe: „Farbecht wie der Neger“ war der Werbeslogan. Das Firmenlogo zeigt den Kopf eines dunkelhäutigen Menschen vom Typ eines Nordafrikaners, Äthiopiers oder Mauretaniers. „Der Markenname war offenbar sehr einprägsam“, meint Kreisel. Die Garne wurden bis in die 60er Jahre hinein unter dieser Bezeichnung verkauft, auch nach der Wende wurde versucht, die Firma zu erhalten, die jedoch 2002 erlosch. „Mohr hat einen weniger negativen Klang“, verweist Kreisel auf ein seinerzeit gebräuchliches Synonym. Zu stehenden Begriffen wurden „Negerküsse“ oder „Sarottimohr“. Aus dem Publikum kommt der Hinweis auf „Negresse-Schuhcreme“. Kreisel führt das Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ an und das Bilderbuch „Die 12 Negerlein“.

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„Vor dem 16. Jahrhundert wurde der Begriff ,Neger’ gar nicht verwendet, er kam erst mit der Sklaverei auf. Im Deutschen kommt das Wort aus dem Französischen: noir heißt schwarz.“

„Schwarz war ein Synonym für Anderssein“, fügt Museumsleiterin Dr. Eva Heller Karneth hinzu. Der Duden führt das Wort Neger auf mit der Anmerkung: „wird häufig als diskriminierend empfunden“. „Im östereichischen Dialekt“, so erzählt Kreisel, bedeutet ,Ich bin neger’ pleite zu sein.“ Er erwähnt auch den Streit um das vom Mainzer Dachdecker Thomas Neger verwendete Logo. Hier ging es nicht um den Namen selbst, sondern um die stilisierte Figur eines dunkelhäutigen Menschen mit wulstigen Lippen und großen Ohrringen.

In der Zeit der französischen Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg kamen mit dem französischen Militär auch dunkelhäutige Soldaten nach Rheinhessen, die von der Bevölkerung sehr geringgeschätzt wurden. „In den Romanen von Karl May wurden Dunkelhäutige immer recht abwertend dargestellt, als der zwar hilfsbereite, aber etwas dumme und immer verfressene Schwarze“, ergänzt Kreisel.

Im Rahmen von „Political Correctness“ würde heute niemand mehr das Wort „Neger“ verwenden, geschweige denn, Werbung damit aufbauen. In Büchern wie „Pipi Langstrumpf“ wurde „Negerkönig“ durch „Südseekönig“ ersetzt. In Bezug auf das Stopfgarn meint Kreisel: „Da hat sich früher keiner Gedanken drüber gemacht.“

„Die Generation der vor 1970 Aufgewachsenen hat oft Probleme mit der Abwertung des Wortes Neger“, stellt der Museumspädagoge fest.

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Von Ulla Grall