Helfer in der Hölle

Eindrücklich schildert Gerhard Traber den Röka-Schülern auch seine Begegnungen mit Flüchtlingen. Foto: photoagenten/Axel Schmitz

Der Mainzer Arzt Gerhard Trabert berichtet im Alzeyer Gymnasium am Römerkastell von seiner Arbeit in den Krisengebieten dieser Welt.

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ALZEY. Vom vielversprechenden Nachwuchsläufer zum Medizinprofessor und Uni-Dozenten. Gerhard Trabert ist ein Mann mit vielen Talenten. Doch statt für den eigenen Profit zu arbeiten, hat der Familienvater sein Leben der Unterstützung Benachteiligter verschrieben. Meistens in seiner Heimatstadt Mainz, wo er oft Wohnungslose medizinisch versorgt.

Eindrücklich schildert Gerhard Traber den Röka-Schülern auch seine Begegnungen mit Flüchtlingen. Foto: photoagenten/Axel Schmitz

Seit 1989 ist der heute 62-Jährige aber auch bei medizinischen Auslandseinsätzen rund um die Welt aktiv. In Syrien, Afghanistan, Indien und zuletzt auch Kenia war er unter anderem schon in seiner Mission unterwegs.

Seit 20 Jahren medizinisches Streetworking in Mainz

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Von seinen Weltreisen berichtet der Professor für Sozialmedizin den Schülern des Gymnasiums am Römerkastell (Röka). „Warum fliehen die Menschen nach Europa?“, lautet das Thema des knapp 45-minütigen Vortrags, den er vor rund 180 Schülern der zehnten Klassen hält. Durch seine Jugend im Waisenhaus, wo sein Vater als Erzieher arbeitete, wurde er früh mit Armut und mangelnden Perspektiven vertraut. Später studierte er in Wiesbaden und Mainz Sozialarbeit und Medizin. Dort betätigte er sich auch erfolgreich als Läufer in der Uni-Mannschaft und gehörte der Junioren-Nationalmannschaft an. Nach dem Abschluss 1989 wollte er aber seiner Berufung folgen und ging in ein indisches Leprakrankenhaus. Dort kam Trabert auch mit dem Konzept des medizinischen Streetworkings in Kontakt, das er seit über 20 Jahren in Mainz umsetzt. Seitdem zieht es ihn im Schnitt zweimal pro Jahr zu Hilfsprojekten im Ausland.

Am Röka berichtet Gerhard Trabert vor allem von seinen Einsätzen auf dem Mittelmeer, in Syrien, dem Irak und Afghanistan sowie in Flüchtlingscamps in der Türkei und Griechenland. „Die Leute wissen oft nicht, warum die Menschen fliehen und sagen, dass sie von unserem Reichtum profitieren wollen“, sagt Trabert einleitend. „Aber sie fliehen, weil zu Hause die Hölle ist – weil sie verhungern und keine Perspektive haben.“

Auch wenn Gerhard Trabert in keiner Partei Mitglied ist, unpolitisch ist er nicht. Im Gegenteil: Scharf kritisiert er die Festsetzung und politische Kriminalisierung privater Seenotretter, die europäische Flüchtlingspolitik, Staatenlenker und Rechtspopulisten. Mit seinem T-Shirt von Sea-Watch symbolisiert der Mediziner seine Unterstützung für nicht-staatliche Seenotretter. Der Gastredner war selbst mit der Organisation auf dem Mittelmeer, um dort Flüchtlinge zu retten.

Einmal war Gerhard Trabert dabei auf eine Mutter getroffen, die mit ihren Töchtern aus Gambia floh. „‚Warum fliehst du?‘ wollte ich wissen. ‚Weil ich verstümmelt wurde und nicht will, dass das meinen Töchtern passiert‘ hat sie gesagt“, erinnert er sich. Mit persönlichen Schicksalen wie diesem, zieht er die jungen Zuhörer in seinen Bann. Egal ob Genitalverstümmelungen, Krieg oder fehlende Existenzgrundlage, der Vortrag überzeugt mit drastischen Beispielen und intensiven Bildern – den Respekt vor den Menschen und die Grenzen des Geschmacks hält er aber stets ein.

Persönlich wird es, als die Schüler Trabert ihre Fragen stellen. Wie seine Familie damit zurechtkomme, dass er in Kriegsgebiete reist, will eine Schülerin wissen. „Mittlerweile besser, meine Kinder sind erwachsen“, erzählt der Arzt. Früher musste er ihnen aber immer die persönliche Bedeutung seiner Arbeit erklären: „Wenn ich das jetzt nicht mache, werde ich nicht glücklich“, habe er dann stets gesagt. „Es gibt mir viel Würde, wenn Menschen mir erlauben, ihnen zu helfen“ – das ist dann Gerhard Traberts ganz persönlicher Profit.