EWR-Neujahrskonzert in Alzey ein musikalisches Highlight

Beim EWR-Neujahrskonzert präsentieren sich die Musiker der Cinephonics und Heinz Rudolf Kunze im perfekten Einklang. Foto: BK/Schmitz

Die Musiker der Cinephonics und Heinz Rudolf Kunze präsentieren sich im perfekten Einklang.

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ALZEY. Übertönt von dem dumpfen Gemurmel unzähliger Gespräche, sind sie noch kaum zu hören, die kleinen Anzeichen, dass sich die Musiker bereit machen, um die leuchtende Bühne zu betreten. Ein Klappern von Tasten, das Warmblasen der Mundstücke, hier und dort ein Ton, um das Blättchen nicht austrocknen zu lassen. Doch so langsam beruhigt sich der Saal und die Instrumentengeräusche werden immer klarer, bis es das Einzige ist, was die gespannte Stille durchbricht. Das EWR-Neujahrskonzert mit den Cinephonics, organisiert von der Kreismusikschule Alzey-Worms, kann beginnen.

Als die Musiker unter langem Applaus zum ersten Mal die Bühne betreten, ist es der Beginn eines Abends, an dem ein musikalisches Highlight das nächste jagen wird. Für das Konzert unter dem Titel „Der letzte Schrei“ haben sich die Organisatoren etwas Besonderes einfallen lassen, ein Live-Hörspiel, das komplett am Stück vorgetragen wird. Das heißt nicht nur für Dirigent Gerd Greis höchste Konzentration, sondern auch für die Musiker ist es eine besondere Herausforderung, denn gut eine Stunde lang werden sie nicht die Augen vom Dirigenten oder den Notenblättern nehmen können. Henrik Albrecht, der ebenfalls im Publikum sitzt, hat das bekannte Werk „Das Gespenst von Canterville“ extra für die Cinephonics und Heinz Rudolf Kunze umgeschrieben und komponiert. Und so ergibt sich ein akustisch ausgeklügeltes Zusammenspiel aus dem Orchester, der angenehmen Leserstimme von Heinz Rudolf Kunze und dem Geräuschemacher, der mit Coladosen, Plastikfolien und Sellerie täuschend echte Soundeffekte konzipiert.

Da ertönen helle Flötenklänge für ein neugieriges Eichhörnchen, Fagott und Tenorhorn für einen sanften Regenschauer. Da schallen Hörner für eine prächtige Ankunft auf dem Schloss und eine Sologeige beschreibt das sanfte Wesen eines kleinen Mädchens. Zwischen dem Rascheln einer Plastikfolie, die den Regen an der alten Fensterscheibe imitiert und dem Klappern von Geschirr fügt sich wunderbar harmonisch die Stimme des Erzählers ein. Alles muss hier passen, das Lesetempo, die Einsätze des hoch konzentrierten Dirigenten und die kleinen akustischen Spielereien. Selbst die Illuminationen in der St. Josephskirche sind auf die Stimmungen des Stückes abgestimmt, und so ergibt sich ein Gesamtkunstwerk, das die Zuhörer nach der letzten Noten- und Textzeile staunend zurücklässt.

Doch das ist noch nicht alles, was das instrumentell vielfältig besetzte Orchester an diesem Abend zu bieten hat. Wie eine Gnuherde, die über die Steppe donnert und den trockenen Boden unter ihren Hufen erbeben lässt. Wie eine mächtige Elefantengruppe, die im Morgengrauen ihre Jungen vor einem Löwenrudel beschützt und wie eine glühende Sonne, die über der flirrenden Savanne aufgeht, so klingt die „African Symphony“, die bei den Zuhörern Gänsehaut hervorruft. Kontraste zu diesen musikalischen Meisterleistungen setzt Heinz Rudolf Kunze mit seinen wortgewandten Texten.

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Da ist Carst, der einfach nicht mehr sein will. Er will verschwinden, weniger werden, bis nichts mehr von ihm übrig ist. Doch er kann mit niemandem über diesen ungewöhnlichen Wunsch sprechen. Da ist Donald Trumps Hairforce-One und Dieter Bohlen als Bundeskanzler. Da ist Dieter, der klassische Otto Normalverbraucher, über den aber wohl nie etwas in der Tagesschau zu finden sein wird, weil er einfach zu normal ist. Kunze spricht sie aus, diese unverblümte, ungeschönte Wahrheit, eine Wahrheit, die viele denken, aber selten aussprechen. Ebenso, wie die Musiker mit ihrem Spiel die Menschen in der Kirche im Herz berühren, so berührt Kunze sie im Kopf, trifft ihre Gedanken und bringt sie zu Papier.

Ein Konzert also, das so viel mehr ist als nur das Spielen von gedruckten Noten, ein Konzert, das den Zuhörer seelisch wie geistig davonträgt.