Armin Burkhardt nimmt als Schnatz vum Kroneplatz beim Alzeyer...

Er hat ein loses Mundwerk, spricht aus, was andere denken, kommentiert das Geschehen im Städtchen. Von den einen geliebt, von anderen, wie etwa Politikern oder Behörden,...

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ALZEY. Er hat ein loses Mundwerk, spricht aus, was andere denken, kommentiert das Geschehen im Städtchen. Von den einen geliebt, von anderen, wie etwa Politikern oder Behörden, gefürchtet. Der „Schnatz vum Kroneplatz“ ist ein Original der Volkerstadt, das es in der Realität nie gegeben hat. Er ist eine Kunstfigur, die sich schon seit rund sieben Jahrzehnten als Kolumne in der Wochenendausgabe der AZ zu Wort meldet. In Mundart, versteht sich.

Wer den „Schnatz“ einst ersann, kann mit letzter Klarheit nicht gesagt werden. In der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum des ACV im Jahr 1996 heißt es dazu: „Sicher ist, dass der im Jahre 1957 verstorbene Mundartdichter Franz Kampe der Erste war, der unter diesem Pseudonym Beiträge veröffentlichte, ob er auch der ‚Vater‘ dieser Alzeyer Type ist, kann nicht mehr eruiert werden.“ Dr. Hans-Jörg Koch schreibt in „700 Jahre Stadt Alzey“, dass Kampe bereits in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren seine Mundart-Glosse als „Schnatz vum Kroneplatz“ in der „Alzeyer Zeitung“ schrieb, später dann, ab April 1948, in der „Allgemeinen Zeitung“.

Gabsheimer musste erst einmal „Alser Platt“ lernen

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Nach Kampes Tod schlüpften andere Autoren in die Rolle des „Schnatz“: Hanns „Bong“ Dörrhöfer, Ludwig Bitsch und Klaus-Dieter Becker. Seit knapp zwanzig Jahren übernimmt der langjährige AZ-Redaktionsleiter Armin Burkart diesen Part. „Heute fällt es mir wesentlich leichter als damals, als ich damit angefangen habe“, sagt er. Klar, Übung macht den Meister, doch Burkart spricht ein ganz bestimmtes Problem beim Einstieg in sein Alter Ego Schnatz an. Er, der Gabsheimer, musste erst einmal „Alser Platt“ lernen. Doch er fasst den Dialektbegriff auch heute noch weiter.

Heute wie am Anfang sind Block und Stift stets seine Begleiter, um spontan Ideen, Hinweise und Wahrnehmungen notieren zu können. Doch die wesentliche „Bezugsquelle“ seiner Themen für die Glosse ist das Telefon. Vieles bekommt er über sein über Jahrzehnte aufgebautes Netzwerk mitgeteilt. „Das ist für mich auch Heimat. Heimat, ist nämlich da, wo man seine Verbindungen hat“, sagt Armin Burkart. Die Anrufer weisen ihn auf Begebenheiten, Missstände und Kuriositäten hin, die ein Fall für den Schnatz sein könnten. Die wandern dann auf die Themenliste im PC des 73-Jährigen. „Manches bleibt dort ein halbes Jahr, manches wird auch sofort umgesetzt. Das kommt auf das Thema an“, beschreibt Burkart seine Themenplanung.

Der Schnatz ist dafür bekannt, dass er kräftig austeilt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch gibt es für ihn auch Grenzen. „Im Prinzip ja, aber man darf sich nicht am Schaden anderer weiden“, antwortet der Autor auf die Frage, ob er Tucholskys Satz, dass Satire alles darf, unterschreiben würde. Die Glosse müsse übertreiben, müsse überspitzen, um Dinge deutlich zu machen. Da wird‘s auch schon mal grob. Ein Balanceakt. Heute sehe er die Welt anders als zu Beginn seiner Autorenschaft, sagt Burkart: „Man reflektiert intensiver, nimmt sich mehr Zeit, die Dinge zu ergründen.“

Losgelöst von Zeitungskolumne und -autor, fällt der Schnatz auch im Stadtbild auf, nämlich als Bronzefigur am Kronenplatz. Dass er dort seit 22 Jahren lässig an eine Straßenlaterne gelehnt steht, geht auf eine Idee Walter Mefferts zurück, die der Alzeyer im Februar 1994 am ACV-Stammtisch in der Gaststätte „Zum Raugraf“ äußerte: „Wie wäre es, wenn der ACV zu seinem Jubiläum der Bürgerschaft eine Bronze gegossene, lebensgroße Skulptur des Schnatz vum Kroneplatz schenken würde?“ In der Festschrift des Vereins ist zudem überliefert, dass Mefferts Vorschlag überall auf positive Resonanz stieß: Beim Verein, der Stadtpolitik und dem damaligen Bürgermeister Knut Benkert. 60 000 Mark sollte die von den Bildhauern Volker Schäfer sen. und jun. geschaffene Skulptur kosten. Zur Finanzierung trug auch eine vom ACV initiierte „Baustein“-Aktion bei. Die Resonanz in der Bevölkerung war überwältigend. Heute ist der „Schnatz“ an seinem angestammten Platz am Kronenplatz längst zu einem der beliebtesten Fotomotive für Besucher der Stadt geworden, mit Hut auf dem Kopf, die Aktentasche zu Füßen und mit der rechten Hand gestikulierend: „Alla dann, bis die negschd Woch.“

Von Thomas Ehlke