Start des Heidelberger Stückemarkts: „Kluge Gefühle“...

Mutter Shahla arbeitet im Vorzimmer der Kanzlei ihrer Tochter Tara, die sich als Anwältin auf Asylrecht spezialisiert hat. Ein kompliziertes Verfahren hier, ein...

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HEIDELBERG. Mutter Shahla arbeitet im Vorzimmer der Kanzlei ihrer Tochter Tara, die sich als Anwältin auf Asylrecht spezialisiert hat. Ein kompliziertes Verfahren hier, ein Abschiebe-Bescheid dort: schwierig, klar. Aber dramatisch ist das nicht. Shahla klagt unterdessen über die Anspruchslosigkeit ihrer Aufgaben. Ebenfalls kein Drama. Gleichzeitig ist Tochter Tara auf einer Dating-Plattform unterwegs – auch deshalb, weil die fürsorgliche Mutter findet, dass eine junge Dame mit 35 langsam in feste Hände gehöre. Wie Mütter eben so sind. Tara ist deswegen sogar bei einem Psychiater in Behandlung. Ein Problem, immerhin – allerdings ein kleines und also gleichfalls nicht der Stoff, aus dem große Dramen sind. Doch dann verschwindet Mutter Shahla spurlos. Und plötzlich bricht der Boden weg.

Zur Eröffnung des Heidelberger Stückemarkts wurde jetzt das erste Stück der deutsch-iranischen Filmemacherin Maryam Zaree, „Kluge Gefühle“, Siegertitel des letztjährigen Autorenwettbewerbs des Stückemarkts, im Zwinger des Heidelberger Theaters uraufgeführt. Von Isabel Osthues in Szene gesetzt, hat die anderthalbstündige Aufführung zunächst allerdings wenig von dem, was der Kritiker und Stückemarkt-Mitkurator Jürgen Berger bei der Publikumsbegrüßung als „Wiedererwachen des politischen Zeitstücks“ ausgemacht hat. Ein Zeitstück, ja. Aber politisch?

Nun: Das kommt nach einer halben Stunde. Und es kommt knüppeldick. Mutter Shahla nämlich ist zu einem Volkstribunal in Den Haag gegen die iranischen Ayatollahs geladen. Und über einen Live-Stream im Internet kann Tochter Tara am Ende deren Aussage verfolgen und erfährt, wovon sie nicht einmal in Ansätzen etwas geahnt hat: dass die Mutter im Teheraner Foltergefängnis Evin ein Martyrium erlebt hat. Dass sie als Mitglied einer westlich orientierten Familie nach der iranischen Revolution von Chomeni-Schergen verhaftet und trotz Schwangerschaft bestialisch misshandelt wurde. So aber wird in wenigen Sätzen ein Kapitel der Zeitgeschichte in Erinnerung gerufen, das mit dem steten Wechsel der Sympathien der Weltgemeinschaft unaufhaltsam in Vergessenheit zu geraten droht.

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Angesichts solch knallharter Spurensuche stellt sich die Frage nach der Qualität des Stücktextes, nach Aufbau, Dramaturgie, psychologischer Glaubhaftigkeit keinen Augenblick lang wirklich. Ob die Form des kleinen realistischen Alltagsstücks geeignet ist, ein so großes Thema zu transportieren; ob auch der Hinweis auf die Beziehungsschwierigkeiten der Tochter als Spätfolge der mütterlichen Leidensgeschichte nicht fast ein bisschen läppisch wirkt – alles egal. Es ist eine kleine große Geschichte, die da in Heidelberg präsentiert wird.

Und das geschieht mit Engagement und sachlichem Ernst – in einem Bühnenbild aus diversen sitzhohen Würfeln, die in wichtigen Momenten schon mal symbolschwer ins Rutschen geraten können. Sophie Melbinger spielt die Tara als smarte Geschäftsfrau im blauen Hosenanzug, die allerdings von Beginn an einen unübersehbaren Zug ins Hyperaktive hat. Ihre Mutter Shahla hingegen ist bei Beatrix Doderer zunächst der gediegene Biedersinn in Person. Ihre Aussage vor dem Den Haager Tribunal freilich macht all das auf einen Schlag vergessen – und zurück bleiben blankes Entsetzen und grenzenloses Mitgefühl.