„Eternal Peace“ in den Frankfurter Kammerspielen uraufgeführt

Science-Fiction in den Frankfurter Kammerspielen: Eine Bühnenszene aus „Eternal Peace“. Foto: Jessica Schäfer

Alexander Eisenachs Auftragswerk, das dem Science-Fiction-Genre zugehörig ist, liefert wenig Grund zu Fröhlichkeit.

Anzeige

FRANKFURT. Wir schreiben das Jahr 2114. Die Menschheit oder das, was noch von ihr übrig geblieben ist, hat sich ins ferne Grönland zurückgezogen. Hier befindet sich ein neues Paradies, eine „Insel der Glückseligkeit“, nachdem durch das klimawandelbedingte Schmelzen des Eises ungeahnte Bodenschätze freigelegt wurden. Doch auch der Mensch hat sich geändert. Raubbau und Ausbeutung der Natur sind nicht mehr vorgesehen, die selbst ernannten Herrscher über das andere Leben haben sich eingegliedert.

Das Publikum in den Frankfurter Kammerspielen darf sich bei dieser lehrreichen, als Zukunftsvision getarnten Lektion mit dem Titel „Eternal Peace“, die nach filmischen Kostproben im Netz am Wochenende ihre Live-Premiere feiern durfte, nicht einfach zurücklehnen. Von Beginn an wird es von der Bühne herab beschimpft. „Sie halten sich für die Erkennenden, aber Sie sind die Erkannten“, heißt es mit bösartigem Unterton aus den Reihen der sechs Schauspieler, die auf weißen Stühlen im Vordergrund sitzen. Dass man einsam sei und auf Abstand gehe, wird einem vorgehalten, da man sich doch nur nach den Corona-Regeln richtet. Und später dass alle im Zuschauerraum miesepetrige Gesichter hätten, so viele habe man schon lange nicht mehr gesehen.

Die 80 Minuten dauernde Stückentwicklung von Alexander Eisenach, dem Science-Fiction-Genre zugehörig, liefert auch wenig Grund zur Fröhlichkeit. Eine sorgfältige Evaluation, der sich der Forscher Brandt (Sebastian Kuschmann) in einem von Daniel Wollenzin entworfenen planetar bläulich schimmernden Kreis hinter einem gazeartigen Vorhang stellen muss, zeigt auf, dass Träumen dort, wohin die Menschheit sich entwickelt, etwas Abnormales und Nostalgie eine mentaldynamische Blockade ist.

Anzeige

Mischung aus Disney-Fee und Star-Wars-Prinzessin

Bei einem Ausflug in den Süden stoßen zwei Wissenschaftlerinnen, die eine (Heidi Ecks) mit gefrorener Kunstfrisur an eine Mischung aus Disney-Fee und Star-Wars-Prinzessin Leia Organa erinnernd, die andere in unbequem glänzender Lackuniform steril und abgeklärt wirkend (Caroline Dietrich), geführt von einem abenteuerlichen Mister Hogan Dundee (Christoph Pütthoff) in Lederhosen und mit Schlapphut (Kostüme: Julia Wassner), an die Grenze zum Wasteland. Frankfurt, die Blicke schweifen dabei vielsagend in den Zuschauerraum, ist die letzte Bastion vor der Wüste. Die Ureinwohner flüchteten vor der selbst verursachten Austrocknung unter die Erde in die Katakomben. Hier treibt sich, von einer Kamera eingefangen und nach oben projiziert, gerade die aufmüpfige Zehr (Anna Kubin) herum. Auf der Suche nach Spuren von Zivilisation, die man reaktivieren könnte, tastet sie sich mit einer Begleiterin (Fenna Benetz) durch den Untergrund des Schauspiel-Hauses. Der Legende nach wurden hier einst Geschichten erzählt, kultische Wandmalereien, altdeutsch Informationsschilder, und unbekannte Technik erinnern daran. Die pandemiebedingt versenkte Kultur, so die Erklärung für das Verschwinden dieser schönen Tradition, wurde nicht mehr aus dem Grab geholt.

Bittere Seitenhiebe am Rande, die fast untergehen in den immer verwirrender werdenden Dialogen. Der Handlung zu folgen, wird schwieriger; sie scheint zu abgehoben. Dennoch lohnt es zuzuhören. Neben allgemeinem Amüsement lassen sich kritische Töne mitbekommen, kluge Sprüche oder auch Witziges. Vor dem Wegdämmern schützen zudem weitere Vorwürfe, die zwischendurch über die Rampe geschleudert werden. Man sei hier, um in seine eigene Zukunft zu blicken; das hat man nun davon.

Die Bedröppeltheit in der Gegenwart weicht im Laufe des Abends zusehends der Erkenntnis, dass auch nach den Klimakriegen und der posthumanistischen Wende nicht alles perfekt ist. Das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Lebewesen fängt an zu bröckeln. Zehr hat eine Pflanze hochgezogen, die optimal nützlich ist. Zu ihrem Leid will niemand das wissen. Die Lage gerät außer Kontrolle, Leiber fallen zu Boden. Wir schreiben das Jahr 2021. Das Licht geht an. Ein schönes Erwachen.