Am Gründonnerstag hat das Opern-Film-Experiment „Fiasko“...

Wer reden will, muss hören: Magdalena Kolesnik spielt im Film zur Oper „Fiasko“ eine verstummte Sängerin.Foto: Staatstheater Darmstadt  Foto: Staatstheater Darmstadt

Wer originale Dudelsack-Folklore hören will, muss nicht nach Schottland fahren. Polen geht auch. Das haben die Mitglieder des Theaterkollektivs „K.A.U&Wdowik“ auf einer...

Anzeige

DARMSTADT. Wer originale Dudelsack-Folklore hören will, muss nicht nach Schottland fahren. Polen geht auch. Das haben die Mitglieder des Theaterkollektivs „K.A.U&Wdowik“ auf einer Reise quer durch Mitteleuropa erlebt.

Für ihr Theaterprojekt suchten sie traditionelle Kulturvereine auf, die vom Verstummen bedroht sind. Auf dem Weg von Darmstadt nach Kaliningrad ist ein Film entstanden, der viele wunderliche Begegnungen dokumentiert. Mit kaschubischen Hornbläsern zum Beispiel, die ihre Instrumente nur zum Jahreswechsel herausholen und dann ein ziemlich schräges Konzert geben, erzählt K.A.U-Mitglied Matthias Schönijahn. Oder mit Harzer Musikern, die ihren Rhythmus mit dem Hammer auf Steine klopfen.

Das war für Wojtek Blecharz eine Herausforderung. Der polnische Komponist schrieb Musik zum Film und plünderte dafür die Operntradition. Aber was könnte zum Hammer-Orchester passen, der Amboss-Chor aus dem „Troubadour“ vielleicht? Viel zu naheliegend. Blecharz entschied sich für die spitzen Töne der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“.

Anzeige

Das wird bei der Premiere am späten Donnerstagabend im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters erkennbar werden. Dann hat „Fiasko“ Premiere, und das Staatsorchester spielt Live-Musik zum Film, der außerdem eigene Töne mitbringt. Der Dirigent Johannes Harneit hat sich in Darmstadt als Spezialist für schwierige Fälle der Neuen Musik bei früheren Projekten schon bewährt, jetzt freut er sich über die Vielfalt der Partitur, die Wagners „Tannhäuser“ zitiert und Verdis „Traviata“, ein Stück von Hans-Joachim Hespos – und natürlich von Blecharz, der für große Orchesterbesetzung geschrieben hat, Eigenes und Fremdes ineinander montiert und kleine Fenster auch für zufällige Orchester-Aktionen öffnet. Leicht war es nicht, für einen fertigen Film zu schreiben, erzählt Blecharz. Eigentlich macht er als Komponist das Tempo ja selbst, hier geben die Bilder die Bewegung vor. Vor allem aber hat der Opernchor einen großen und musikalisch herausfordernden Auftritt, Johannes Harneit ist begeistert, mit welcher Begeisterung sich das Ensemble auf das Projekt eingelassen hat.

Eigentlich wollten die Theatermacher das gesamte Orchester auf ihre Europareise entführen. Das ließ sich, zum Glück fürs Staatstheater, nicht realisieren. Jetzt steht eine Frau im Mittelpunkt ihrer filmischen Recherche, Magdalena Kolesnik spielt eine Sängerin, die auf der Suche nach ihrer verlorenen Stimme ist. Es geht um Reise und Verlust und um ein Fiasko, in dem die Suche enden könnte. Und die Geschichte ist durchaus sinnbildlich zu verstehen, denn das Stück erzählt von der Krise einer Utopie: Mit welcher Katastrophe würde die europäische Idee enden, wenn sie eine Oper wäre? Das war die Ausgangsfrage für die vielschichtige Erzählung, die gerade einmal fünf Viertelstunden braucht, um ans Ziel zu gelangen.

„Fiasko“ wurde gefördert vom „Doppelpass“-Programm, mit dem die Kulturstiftung des Bundes die Kooperation freier Gruppen mit Stadt- und Staatstheatern anstoßen will. In Darmstadt ist es erst einmal ins Spätprogramm gelangt und schließt sich an Vorstellungen der Janácek-Oper „Die Sache Makropulos“ an, in der es ja auch um eine Sängerin geht, allerdings eine, die in ihrer über dreihundertjährigen Karriere die Stimme nicht verloren hat. Das ist ein bisschen wie im Fernsehen, sagt Dirigent Johannes Harneit, die späten Formate erlauben eben mehr Experimente. Aber für ihn ist „Fiasko“ so unterhaltsam geworden, dass man es auch zur besten Sendezeit bringen könnte: „Es ist, als würde man durchs Opernrepertoire zappen.“