"Was ich lebte, was ich sah" von Hermann Sinsheimer

Hermann Sinsheimer auf einer Karikatur im "Simplicissimus".   Foto: Klassik-Stiftung

Ein Sammelband umfasst Kritiken und Briefen des pfälzischen Theatermannes - ein Band, in dem es wetterleuchtet von den Katastrophen der Zeitgeschichte der 30er Jahre.

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. Hermann Sinsheimer? Trüge ein seit 1983 ausgelobter, alle zwei Jahre vergebener pfälzischer Literaturpreis nicht seinen Namen, kaum jemand erinnerte sich seiner. Dabei war dieser Hermann Sinsheimer einmal wer. Insbesondere in den theaternärrischen zwanziger Jahren gehörte er zur "Szene" - anfangs in München, dann in Berlin.

Immerhin war er, der 1883 im pfälzischen Freinsheim als Sohn jüdischer Eltern Geborene, 1933 der Nachfolger des gleich im Februar vor den Nazis geflohenen Alfred Kerr beim Berliner Tageblatt - und das trotz einer halsbrecherischen Goebbels-Satire aus seiner Feder in ebendiesem Blatt vom April 1931. Darin hatte Sinsheimer den giftigen "Dr. Goe" als "kleinen Schreihals" tituliert und seinen Werdegang in der Weimarer Republik süffisant mit den Worten resümiert: "Er trainierte auf Sprechboxer, Leichtgewicht".

Die Tatsache, dass Sinsheimer 1933 überhaupt noch für ein paar Monate Fuß fassen konnte im braun regierten Berlin, veranlasste allerdings seinen bereits ins Exil gegangenen Freund Heinrich Mann zu einer geharnischten Invektive, die dem armen Zeitungsschreiber Liebedienerei vor den neuen Herren unterstellte. Dabei war Sinsheimer einfach nur grenzenlos naiv, und mit dem Schriftleitergesetz der Nazis vom Oktober 1933 waren seine Tage beim Berliner Tageblatt denn auch endgültig gezählt. 1938 brachte er sich, gerade noch rechtzeitig, nach London in Sicherheit - wo er den Krieg überlebte und 1950 starb.

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Die in Mainz lebende Literaturwissenschaftlerin Deborah Vietor-Engländer bemüht sich seit Jahren um die Schriften Sinsheimers: 2013 erschienen als Band 1 einer dreibändigen Werkausgabe Sinsheimers Lebenserinnerungen "Gelebt im Paradies"; es folgte 2017 seine ausladende Untersuchung zur Shylock-Figur; und jetzt ist der Abschlussband mit einer umfangreichen Auswahl von Theaterkritiken und Briefen unter dem Titel "Was ich lebte, was ich sah" erschienen.

Der einleitende Essay der Herausgeberin beantwortet die meisten Fragen, die sich zu diesem Leben zwischen Rebellion und Anpassung, zwischen Gutgläubigkeit und Verjagt-Werden erheben. Der ausgebildete Jurist Sinsheimer hat seine Rechtsanwaltstätigkeit immer nur als "Nebenberuf" empfunden - schon in seiner Pfälzer Zeit vor dem 1. Weltkrieg ist ihm seine Zweittätigkeit als Theaterkritiker ungleich wichtiger. Er geht nach München, schreibt für die "Weltbühne", ist dort mal für ein Jahr Leiter der Kammerspiele. Und als Kritiker für die Münchner Neuesten Nachrichten wird er 1922 Augenzeuge der triumphalen Uraufführung von Brechts Erstling "Trommeln in der Nacht", den er, ein wenig altbacken, aber voll echter Überzeugung als "theatralisch empfundenes, bühnenecht aufschwingendes Gewirk von Wort, Gestalt und Idee" feiert. Ob Sinsheimer deshalb gleich als "Entdecker Brechts" gelten kann, wie Deborah Engländer im Vorwort schreibt, muss allerdings mit einem kleinen Fragezeichen versehen werden. Die Tatsache, dass Sinsheimer mit der ersten positiven Kritik zu dem Stück am Markt ist, bedeutet wenig: Münchner Aufführungen haben in Münchner Zeitungen einfach am Folgetag besprochen zu sein, und da sind freundliche Urteile eher die Regel als die Ausnahme. Nein: Den Durchbruch des Autors - den besorgen erst die aus Berlin angereisten Rezensenten.

Wie auch immer: Sinsheimer ist bis 1933 der wichtige Zeuge einer wichtigen Kulturepoche. All das - auch das "Dr. Goe"-Psychogramm - ist nachzulesen in diesem sorgsam edierten, allerdings nicht immer ganz leicht konsumierbaren Band, in dem es wetterleuchtet von den Katastrophen der Zeitgeschichte.