„Sternstunden“ von Josef Kraus und Walter Krämer

Insgesamt 95 Texte aus anderthalb Jahrtausenden zeigen, wie die Sprache Kultur gestaltet

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. Jede Sprache transportiert nicht nur Informationen, sondern ist Teil, Ausdruck, Gestaltung einer „Kultur“. Für die deutsche Sprache wollen das Walter Krämer und Josef Kraus an 95 Texten aus den Jahren 790 bis 2017 zeigen, die von 40 text- und spracherfahrenen Literaturkennern kommentiert werden.

Die Entzivilisierung durch Krieg charakterisiert Andreas Gryphius 1636 so: „Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret“, doch „ärger als der Tod“ ist, dass „auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen“(„Tränen des Vaterlandes“). Wolfgang Borchert dagegen sucht 1946 Ursachen für Tod und Zerstörung im Handeln der Menschen: „Irgendwo müssen wir doch hin mit unserer Verantwortung“ („Draußen vor der Tür“). Welchen Lebenssinn kann es in einer Welt ohne Gott geben? Jean Paul schaudert 1796: „Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alls?“ („Rede des toten Christus“). Der Gegenwartsmensch soll heute täglich aus tausenden Angeboten wählen; die Suche nach Sinn darin wäre „reine Selbstbeschäftigung“ (Juli Zeh, „Spieltrieb“, 2004).

Alexander von Humboldt beschrieb in seinem „Kosmos“ (1845) „die ganze materielle Welt“ […] alles Geschaffene“, eine Art Genesis aus naturwissenschaftlicher Sicht. Der Nervenarzt Alfred Döblin lernte von der Psychiatrie, als Dichter „den seelischen ganzen Menschen“ darzustellen. Die Ambivalenz politischen Handelns erörtert Wilhelm von Humboldt 1792 als Theorie der „Grenzen der Wirksamkeit des Staates“, während Helmut Kohl in seiner Dresdener Rede 1989 sie in praktische Politik übersetzt, gleichzeitig einhält und überschreitet: Die Menschen „sollen bleiben“ und „zueinanderkommen“.

Gewaltige Werke der Dichtkunst

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Man kann Sprache aber auch missverstehen, was J.P. Hebel in „Kannitverstan“ 1809 pädagogisch belehrend vorführt, während eine Auslassung auf Schabowskis „Sprechzettel“ 1989 weltgeschichtliche Folgen hatte.

Nach der Lektüre scheint mir gewiss zu sein, dass das Deutsche die Attacken von „einfacher“, „gender-“ und sonstwie „gerechter“ Sprache überleben wird. Dass die Herausgeber in ihrer Einleitung das altbackene Wort vom „Volk der Dichter und Denker“ bemühen und von „gewaltigen Werken der Dichtkunst“ sprechen, wirkt vorgestrig. Aber warum sollte nicht, wie Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert vorschlug, der Satz „Die Landessprache ist Deutsch“ ins Grundgesetz aufgenommen werden: als freundliche Einladung, diese Sprache sich als Heimat anzueignen?

Von Thomas Lange