Richard Powers liest in Wiesbaden aus „Die Wurzeln des Lebens“

Der amerikanische Bestsellerautor Richard Powers hat im Wiesbadener Literaturhaus mit Schauspieler Christian Brückner seinen neuen Roman „Die Wurzeln des Lebens“ vorgestellt.

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WIESBADEN. Auch auf dem Warmen Damm gegenüber dem Literaturhaus Villa Clementine stehen Bäume, darunter freilich kein Mammutbaum, wie ihn Richard Powers aus dem Redwood-Nationalpark seiner amerikanischen Heimat kennt und angeregt hat zu seinem neuen voluminösen Buch „Overstory“, in deutscher Übersetzung „Die Wurzeln des Lebens“. Mit dieser Hommage an das Lebewesen Baum und der gefühlt uralten Verbindung des Menschen zu ihm ist der Bestsellerautor aus Illinois (dort, wo ihn der Urwald der Smoky Mountains inspirieren kann) Gast im Literaturhaus.

Schon lange kein Geheimtipp mehr

Begleitet wird er von seinem Verlagslektor Hans-Jürgen Balmes, der ihn vorstellt und seine Erläuterungen übersetzt, sowie von der bekannt beliebten Stimme Christian Brückners. Der Wiesbadener Literaturgastgeber von 2015 trägt Passagen aus der Romanübertragung ins Deutsche vor; das Übersetzerpaar Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié ist ebenfalls anwesend und der Rote Salon voll besetzt.

Baum hat Konjunktur: Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“ ist schon lange kein Geheimtipp mehr, und gerade drohen Strafverfahren den Baumbesetzern im Hambacher Forst. Richard Powers’ Buch erinnert an eine ähnliche, ungleich heftigere Situation der kalifornischen „timber wars“ (Holzkriege) der 90er Jahre. Hier wie dort, in Fakten und Fiktion, steht Naturerhalt gegen Unternehmensprofit. Des US-Präsidenten Trumps Gewinn und Verlust bei den Zwischenwahlen stand nicht zur Diskussion.

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Denn Richard Powers‘ „Die Wurzeln des Lebens“ will ja mehr als nur auf aktuellen Kahlschlag aufmerksam machen. Dem Autor gehe es um die Darstellung einer inneren Bindung zwischen Baum und Mensch, die der Letztere durch Abholzung durchschlage und damit die eigenen Wurzeln zerstöre. Schließlich verfügten Mammutbaum und Mensch über einen gemeinsamen Genanteil. Müsste da nicht Evolutionsgeschichte revidiert werden?

Da hören wir aber lieber zu (und der Autor gebannten Auges), wie Christian Brückner am Katheder in wohlklingend weicher Heiserkeit den Buchauftakt sinnlich erfahrbar macht, wenn Fotos einer Kastanie, aufgenommen von vier Generationen, den Unterschied der Lebenszeiten von Baum und Mensch verdeutlichen. Geschichte, so erzählt Richard Powers, verbinde beide, wenn auch die menschlich individuelle ungleich kürzer sei. Individuen, so sagt er, stehen freilich auch im Wald. In dem Menschen, wie die beiden Figuren Nick und Olivia, schauen und staunen lernen. Staunen über ein in einem Mammutbaum in 60 Metern Höhe intaktes eigenes Ökosystem im gewaltigen Geäst. Und dramatisch erstrahlt mit Christian Brückner diese Märchenwelt mit Salamander am Teich auf den Bäumen. Wenn sich in deutschen Märchen Kinder im Wald verirren, ist er immer finster, besteht eben auch nur aus einfachen Tannen. Sie werden laut Förster Wohlleben und Autor Powers aber ebenfalls ein Netzwerk unter der Erde bilden, wie es am Ausgangspunkt des Schriftstellers, in Silicon Valley, Menschen digital ausbreiten. Ein allerdings wohl Vergängliches meint Richard Powers, weshalb der Mensch einer Überlebenskraft von 400 Millionen Jahre Baumexistenz unterlegen ist und gut daran täte, sich auf seine Lebenswurzeln zu besinnen. Der Forscherin Dankesgebet liest er zum Schluss selbst, ruhig und rhythmisch und gelassen: „We are sorry.“