Lesung mit Wladimir Kaminer in Gross-Umstadt

Wladimir Kaminer bei seiner Lesung am Donnerstag in der Stadthalle von Groß-Umstadt.  Foto: Karl-Heinz Bärtl

Viel Witz hat der Berliner Autor Wladimir Kaminer bei der Lesung aus seinem Buch "Die Kreuzfahrer" in Groß-Umstadt bewiesen.

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GROSS-UMSTADT. Einen äußerst vergnüglichen Donnerstagabend erleben die Besucher in der gut gefüllten Groß-Umstädter Stadthalle, wo Bestsellerautor Wladimir Kaminer auf Einladung der Buchhandlung Umstädter Bücherkiste sein aktuelles Buch "Die Kreuzfahrer" (Wunderraum-Verlag 2018) vorstellt.

Dabei hat die Veranstaltung wenig mit einer klassischen Lesung zu tun. Vielmehr plaudert der Berliner Schriftsteller in Stand-Up-Comedy-Manier über die unterschiedlichsten Themen von Großmuttergeburtstag bis Flüchtlingsintegration in Brandenburg, fragt zwischendurch das Publikum, wie es im Europa-League-Halbfinale Frankfurt gegen Chelsea steht, und erinnert sich an böse Zuschriften, die er zu seinem Kreuzfahrer-Buch bekommen hat: "Auf jeder Seite sitzen Sie mit Ihrer Frau an einer Bar, Sie haben ein ernstes Alkoholproblem!"

Aber Alkohol ist auch nötig, um den bisweilen bizarren Auswüchsen der Kreuzfahrt- und Vergnügungsindustrie komische Seiten abgewinnen zu können. Eigentlich, so die Quintessenz der Erfahrungen, die Kaminer als Gastkünstler auf mehreren Schiffsreisen gewonnen hat, ist es den Passagieren egal, wo sie gerade herumschippern. Hauptsache, man ist weit weg vom drögen Alltag und deutscher Tagespolitik.

Eine Mischung aus "Party und Endzeitstimmung" herrsche an Bord. Herrlich ist Kaminers Schilderung strapaziöser Tagesausflugsangebote in der Karibik: Beim Delfin-Watching in gleißender Sonne wird kein einziger Delfin gesichtet, die Besucher einer Lobster-Farm können sich nach der Rückkehr an Bord nicht mehr erinnern, ob sie überhaupt einen Hummer gegessen haben, da der Reiseleiter sie schon auf der Busfahrt mit Rum abgefüllt hat, und die Schnorchelfreunde sehen vom angepriesenen Unterwasserparadies nichts außer andere Schnorchler. Kaminer und seine Frau genießen derweil in Ruhe die Cocktails an der Bar und lassen sich die Insel-Abenteuer von völlig erschöpft Zurückkehrenden berichten.

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Wie ein zerstreuter Professor wühlt Kaminer zudem in seiner Zettelsammlung, fördert abseits des Kreuzfahrt-Themas einige absurd-komische Kurzgeschichten zutage, wie die über den Besuch seiner 87-jährigen Mutter auf einem Rolling-Stones-Konzert.

Seine schnoddrig-lakonische Erzählweise geht Hand in Hand mit einer kompromisslosen subjektiven Sicht auf die Dinge, immer durchzogen von Selbstironie - dafür liebt ihn sein Publikum.