Karl Marx: Ausgewählte Neuerscheinungen

Zweihundert Jahre nach seiner Geburt ist Karl Marx museumsreif – hier in der aktuellen Jubiläumsausstellung in Trier. Seine Gedankenwelt wird das Jubiläum überdauern, wie neue Bücher zeigen. Foto: dpa

Bücher, deren Relevanz weit über das Jubiläumsjahr des politischen Philosophen aus Trier hinausgeht

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. Der Hype um den 200. Jahrestag der Geburt von Karl Marx ist schnell verflogen – Zeit, um in aller Gelassenheit Bücher zu lesen, für deren Erscheinen das Jubiläum zwar Anlass war, deren Relevanz aber weit über das Datum hinaus weist. Das gilt besonders für ein Buch des 2014 gestorbenen Politologen Iring Fetscher. Ein Hauptthema seines Forschens waren das Leben und die Schriften von Karl Marx: Seine Erkenntnisse vermittelte Fetscher abseits aller ideologischen Streitereien. Wie klar seine Positionen sind, wie unmissverständlich Fetscher formuliert hat, kann man exemplarisch in dem Einführungsband nachlesen, den der Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt hat („Marx – Eine Einführung“, 159 Seiten, 17 Euro). Knapper, präziser und besser formuliert kann man sich in kaum einem anderen Buch über die Stärken und Schwächen des Menschen Karl Marx wie seines Werkes informieren.

Mit dem Rüstzeug dieser anregenden Lektüre können sich Leser daran machen, sich den politischen Philosophen und ökonomischen Denker aus Trier auch im Original zu erschließen. Florian Butollo und Oliver Nachtwey haben aus den umfangreichen Marx-Schriften eine exemplarische Auswahl zusammengestellt, mustergültig gegliedert und in den jeweiligen Einführungen kommentiert (Karl Marx, „Kritik des Kapitalismus“, Suhrkamp-Verlag, 666 Seiten, 30 Euro). Zunächst geht es um den philosophischen Ansatz des Marx-Werkes, dann folgt Marx’ am Materialismus orientierte historische Theorie. Von dort leiten die Herausgeber dazu über, welche Zusammenhänge für die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft Marx aus den beiden ersten Themen gezogen hat – unter anderem in Richtung seiner Entfremdungs-, Arbeits- und Mehrwerttheorie. Von hier ist es ein logisch fast zwingender Schritt, zur „Politischen Ökonomie“ von Marx zu kommen. Hingegen wird es manche Leser überraschen, wenn es im fünften Teil um „Modernisierung und Globalisierung“ geht, doch liefern die Schriften den Beleg, wie weitsichtig Karl Marx mitten im 19. Jahrhundert die Entwicklung des Kapitalismus und der Industrialisierung wie des Welthandels analysiert hat. Im abschließenden Teil sind Marx-Schriften zu konkreten politischen Anlässen seiner Zeit nachzulesen, wobei man auch hier mühelos Parallelen zu aktuellen politischen Problemen ziehen kann. Exemplarisch deutlich wird das an der „Kritik des Gothaer Parteiprogramms“ der „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ (einem Vorläufer der SPD) aus dem Jahr 1875. Manchen Sozialdemokraten dürften angesichts des derzeitigen Niedergangs ihrer Partei bei der Lektüre vieler Marx-Sätze die Ohren klingeln. Einen besseren Band mit repräsentativen Schriften von Marx kann man sich nicht vorstellen.

Ständige Weiterentwicklung seiner Ideen

Eines der seit vielen Jahrzehnten am heftigsten gegen Karl Marx in den ideologischen Feldzug geführten Vorurteile ist, er sei ein Gegner individueller Freiheit gewesen. Wie wenig da zutrifft, erläutert die Studie „Die Freiheit des Karl Marx – Ein Aufklärer im bürgerlichen Zeitalter“ (Rowohlt-Verlag, 384 Seiten, 24 Euro). Der Züricher Professor für politische Philosophie Urs Marti-Brander hat die – auch in Auseinandersetzung mit anderen Denkern – beständige Weiterentwicklung von Marx’ Ideen zu diesem Thema konsequent erforscht und allgemeinverständlich dargestellt: eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre.