„Geschöpfe – Mein Leben und Werk“ von Judith Kerr

Judith Kerr 2016 nach der Vorstellung eines Buches in Berlin. Foto: dpa

In ihrer Autobiographie erzählt die britische Schriftstellerin von ihrem Flüchtlingsschicksal und von Zuversicht und Vergebung

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. „Wenn man seine Kindheit als Flüchtling in mehreren fremden Ländern verbracht hat, dann empfindet man die Familie wie eine Insel.“ Der Satz dürfte vielen Menschen heute wieder in den Ohren klingen, vielleicht auch Politikern. Er stammt von der inzwischen 95 Jahre alten Kinderbuchautorin und -illustratorin Judith Kerr, die mit ihrem autobiografischen Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ in den siebziger Jahren berühmt wurde und mit ihrer Familie vor den Nazis aus Berlin fliehen musste. Über Umwege kam sie schließlich nach England, wo sie als Britin noch heute lebt.

Judith Kerr 2016 nach der Vorstellung eines Buches in Berlin. Foto: dpa
Das Zusammenleben mit einem Tiger sorgt für überraschende Momente: Kinderbuchzeichnung von Judith Kerr aus der reich illustrierten Autobiografie „Geschöpfe“.Zeichnung: Judith Kerr / Edition Memora

Ihr Vater war der legendäre Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr. Jetzt hat sie ihre Erinnerungen an Flucht und beruflichen Aufstieg in Großbritannien vorgelegt, reich bebildert mit ihren Zeichnungen, die diesmal einen ausführlichen Einblick in ihre Werkstatt geben. Der Band ist in der Edition Memoria erschienen, deren Verleger Thomas B. Schumann im vergangenen Jahr mit dem Kesten-Preis des deutschen PEN-Zentrums geehrt wurde.

Kerr hat das Buch „den eineinhalb Millionen jüdischen Kindern mit all ihren ungemalten Bildern“ gewidmet. Die Autorin erinnert sich lebhaft an zahlreiche Kindheitseindrücke nach der Flucht als Neunjährige aus Berlin, wo die Bücher ihres Vaters von den Nazis verbrannt wurden, mit Stationen in der Schweiz und in Paris und schließlich London. Obwohl ihre Eltern auf der Flucht und in der Emigration große und existenzielle Probleme hatten, auch mit der sprachlichen Entwurzelung, hätten sie es geschafft, ihren Kindern das Gefühl zu geben, dies alles sei ein großes Abenteuer, erinnert sich eine dankbare Judith Kerr. Dabei hatten die Eltern immer Selbstmordtabletten dabei.

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Während Kerr dankbar an die Hilfe vieler Engländer zurückdenkt, die den doch eigentlich feindlichen Deutschen selbst nach den schweren Bombenangriffen auf London geholfen haben, ist sie auf die Schweiz weniger gut zu sprechen. „Trotz ihrer erklärten Neutralität waren die Schweizer jedoch auf bedrückende Weise beflissen, sich mit Hitler gut zu stellen.“ Die britische Hilfsbereitschaft gegenüber den „freundlichen gegnerischen Ausländern“ hat Kerr dagegen nicht vergessen. „Es ist in Ordnung, Fräulein. Sie fahren aufs Land. Ich werde ein Auge auf Ihre Eltern werfen“, sagte man der Deutschen auf einer Londoner Polizeistation. „So etwas bleibt einem für immer im Gedächtnis.“ 1947 wurden die Kerrs britische Staatsbürger. „Dies ist meine Heimat seit 1936“, sagt Judith Kerr heute.

Ihr autobiografisches Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ erschien 1971 (deutsch 1973 in der Übersetzung von Annemarie Böll) und war jahrelang Bestandteil deutscher Lehrpläne. Sie habe nach dem Krieg lange Zeit vermieden, nach Berlin zu fahren, sie fühlte ein Unbehagen. „Der Deutsche Jugendliteraturpreis änderte alles“, erinnert sie sich heute. Kerr sah eine neue deutsche Generation heranwachsen, die neugierig war. „Anders als heute, wo der Holocaust wie besessen in deutschen Schulen unterrichtet wird, waren die Leute bis zu diesem Zeitpunkt davor zurückgeschreckt, Kindern etwas über Nazis zu erzählen.“ So habe ihr Projekt auch nicht von Anfang an Glück in Deutschland gehabt. Bei einer ersten Begutachtung auf der Frankfurter Buchmesse hätten Verleger einen Blick darauf geworfen „und das Buch, möglicherweise beim Anblick von Patsy Cohens Hakenkreuzfahne schwingendem Häschen entsetzt weggelegt und sich sogar geweigert, es zu lesen“.

Inzwischen gibt es eine Judith-Kerr-Grundschule, einen Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen in Berlin, und nach und nach werden Alfred Kerrs Werke wieder verlegt, angestoßen vor allem vom großen Erfolg seiner von Günther Rühle entdeckten und herausgegebenen „Briefe aus Berlin“.

Es sei lange her, dass sie sich in Deutschland unwohl gefühlt habe, schreibt seine Tochter jetzt. „Es ist ein anderes Land als das Land, das ich als Kind verließ.“ Im Schlusskapitel „Die letzten Jahre“ ihrer Erinnerungen heißt es: „Es war ein erstaunlich erfülltes und glückliches Leben, und es hätte so leicht anders sein können.“

Von Wilfried Mommert