„Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadous

Debütroman denkt die Anpassung der Menschen an die Leistungsgesellschaft in die Zukunft

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. Die schöne neue Welt ist glänzend, stylish, durchkommerzialisiert und optimiert. Die Menschen in ihren coolen Designerwohnungen und gläsernen Bürotürmen sind angepasst an dieses makellose Ambiente: Dank eines perfekten Systems der Selbstkontrolle mittels Fitness-Tracker und Social Credit Points wissen sie jederzeit, wo sie im Ranking stehen. Rufen sie ihr Leistungspotenzial ab? Erfüllen sie die Vorgaben noch? Sonst werden sie zum Objekt fürsorglicher Belagerung.

Julia von Lucadous (36) beeindruckender Debütroman „Die Hochhausspringerin“ entwirft ein düsteres Zukunftsszenario, das gerade deshalb so beängstigend ist, weil die Wirklichkeit sich dieser Dystopie in mancherlei Hinsicht schon annähert.

Burnout? Gibt‘s nicht!

Hauptfigur des in einem namenlosen Land, in einer namenlosen Stadt spielenden Romans ist die Psychologin Hitomi. Ihr Job besteht darin, die Hochhausspringerin Riva zu überwachen und zu betreuen. Riva ist Kult, übt sie doch einen Extremsport aus. Das Leben dieses Superstars der Gesellschaft ist komplett vermarktet und transparent. Jede Aktivität wird von Millionen Followern begleitet und von mächtigen Firmen gesponsert.

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Dann eines Tages der Gau: Riva will nicht mehr. Sie verweigert den Sport, zieht sich zurück. Für die Sponsoren wird das zum Problem, Hitomi gerät unter Druck. Denn sie muss es schaffen, Riva wieder zum Springen zu animieren. Die Psychologin attestiert der Sportlerin eine handfeste Depression. Doch Hitomis Auftraggeber halten diese Diagnose für „veraltet“. Die neue Gesellschaft, in der jeder an seiner Stabilität arbeitet, kennt keinen Burnout.

Rivas Kontrollverlust wird mehr und mehr zu Hitomis Kontrollverlust. Sie schläft schlecht, vermasselt ein Date. Ihr Vital Score Index sinkt, ihr Social Credit ebenfalls. Ein Desaster für die Aufsteigerin, die einst in einem Institut gecastet wurde und den beneideten Aufstieg in die Glitzerstadt schaffte. Scheitert sie, droht ihr der Abstieg in den Schmutz der Peripherien.

In ihrer Verzweiflung engagiert Hitomi einen unkonventionellen Blogger und schleust ihn bei Riva ein. Vielleicht gelingt es diesem jungen Mann, den Star umzustimmen? Doch die gewagte Undercover-Aktion beschleunigt die Katastrophe.

Julia von Lucadou hat einen Roman zum Frösteln geschrieben. In einer äußerst spannenden Geschichte erzählt sie von einer Gesellschaft, in der alles bemessen, bewertet, getrackt und vermarktet wird. Das beginnt bei der Arbeit, geht über die eigene Fitness und Gesundheit und reicht bis zu Liebesbeziehungen, die sich nach strengen Vorgaben abspielen. Auf der Strecke bleiben Humanität, Spontanität, Muße und fröhliche Unordnung.

Von Sibylle Peine