„Die Große Hamburger Straße“ von Irina Liebmann

Respekt vor den Leerstellen der historischen Erinnerung: Irina Liebmann. Foto: Max Merz

In Biberkopfs Revier: Irina Liebmann erkundet in ihrem neuen Roman Berlins Mitte rund um die Große Hamburger Straße.

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. Anders als ihr Name vermuten lässt, ist die Große Hamburger Straße im Berliner Bezirk Mitte nicht besonders lang: Es sind weniger als fünfhundert Meter von der Oranienburger zur Auguststraße. Aber es ist ein geschichtsträchtiges Pflaster hier. Umgeben von Handwerksbetrieben, Gaststätten und Wohnhäusern, liegen dicht beieinander: das katholische St.Hedwigs-Krankenhaus, die evangelische Sophienkirche und der älteste jüdische Friedhof Berlins. Hackescher Markt und Alexanderplatz sind nicht weit, hier war einst das Revier von Franz Biberkopf.

Die Schriftstellerin Irina Liebmann hat in den 1980er Jahren diese Straße fotografiert und ihre Geschichte gründlich erforscht. Mit geduldigen Nachfragen und Taktgefühl hat sie das Vertrauen auskunftswilliger Bewohner und Zeitzeugen gewonnen. Von Anfang an sollte dieses Material Grundlage eines Romans seins – eine jener Prosaarbeiten zwischen Fiktion und Reportage, für die Irina Liebmann zurecht gerühmt wird. Dieser Roman aber wollte der Autorin zunächst nicht recht von der Hand gehen, und so hat sie ihre Recherchen 2002 erst einmal in dem Fotoband „Stille Mitte von Berlin“ präsentiert. Jetzt, Jahrzehnte später, ist der Roman doch noch fertig geworden, und die erzwungene historische Distanz ist ihm gut bekommen. Das Werk ist eben nicht nur ein Stück literarisierter Oral History. Es erschöpft sich nicht in der historischen Rekonstruktion, sondern handelt von der Zeit selbst: von der Art und Weise, wie verschiedene Menschen in und mit der Zeit leben und wie das Verstricktsein in die Gegenwart die vermeintlich authentische Erinnerung beeinflusst.

Natürlich kommt bei diesem Buch auch die sozialgeschichtliche Neugier auf ihre Kosten. In der alten Spandauer Vorstadt herrschte ein Berlin-typisches Nebeneinander von bürgerlicher Wohnkultur und einer eher plebejischen Einstellung gegenüber den nackten Tatsachen des Lebens. Zeitweise betrieben in der Straße Lohgerber ihr übelriechendes Geschäft, Klotzgesellen gingen unter freiem Himmel ihrer Arbeit nach, dem Zerlegen und Ausbeinen von Schlachtvieh. Es war aber stets auch eine bürgerliche Straße. Bei der Metzgerei Koschwitz ließen die besseren Leute ihre Dienstmädchen um Filetstücke anstehen, während die armen Leute mittels einer sinnigen Rohrkonstruktion sich für ein paar Pfennige die Brühe aus den Wurstkesseln abfüllen konnten. In unmittelbarer Nachbarschaft lag Keibels Spielwarengeschäft, damals das größte seiner Art: neunzehn Schaufenster, allein die Zinnfiguren belegten komplett eine der drei Etagen.

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Viele Geschichten hat die Erzählerin in den achtziger Jahren ihrem Stammcafé aufgeschnappt. Irgendwann wird ihr bewusst, dass genau gegenüber das jüdische Altenheim stand – der Ort, an dem 1942 die jüdischen Bewohner zur Deportation zusammengetrieben wurden. „Die kamen dann weg,“ erinnert sich eine Zeitzeugin. Irina Liebmann lässt den Satz in seiner lapidaren Ungerührtheit so stehen. Sie will nicht klüger sein als ihre Gewährsleute, sie maßt sich auch nicht an, für die Opfer sprechen zu können. Und sagt dennoch alles, was gesagt werden muss über diesen Ort.

In ihrer penibel ausbalancierten Mischung aus literarischer Reportage und Erzählung, aus Dialog und poetischem Bild beweist Irina Liebmann Respekt vor den Leerstellen der historischen Erinnerung. So taucht der Roman die Recherchen aus den achtziger Jahren jetzt in ein ganz anderes Licht als 2002 der Fotoband. Damals erschienen die Tristesse der zerbröckelnden Fassaden und der Eindruck von Ausgestorbenheit wie ein Sinnbild des abwartenden Stillstands in der zu Ende gehenden DDR. Inzwischen ist auch das eine Erinnerung – auch sie nicht frei von blinden Flecken. Dass sie auch solche Widersprüche in ihrer alltagsnahen Prosa nicht poliert und verblendet, nimmt einmal mehr für diese ehrliche Erzählerin ein.