Darmstädter Pfarrer im Weltkrieg: Karl Greins Tagebücher

Als Feldprediger nahm der Darmstädter Pfarrer Karl Grein am Ersten Weltkrieg teil. Hans-Heinrich Herwig hat seine Tagebücher und den Briefwechsel mit seiner Frau herausgegeben.

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DARMSTADT. . November vor hundert Jahren: Der Weltkrieg ist zu Ende, mit der letzten Division kehrt der Darmstädter Pfarrer Karl Grein von der Westfront zurück. Etliche Kameraden verlassen die Truppe, auch Grein wird von seiner Frau im Wetterauer Dorf Kaichen sehnlich erwartet, wo er eine Pfarrstelle versehen hat, bevor er als Feldprediger in den Krieg ziehen musste. Die Bewerbung auf die Pfarrstelle in Arheilgen, die Grein 1920 antreten wird, ist längst abgeschickt. Aber Grein bleibt bei seiner Einheit, zieht mit ihr von Standort zu Standort, wartet geduldig auf die Demobilisierung, die in Erbach im Odenwald endlich befohlen wird. Er macht sich Sorgen, ein schlechtes Vorbild abgeben zu können.

Karl Grein war ein Mann mit Prinzipien. Das sollte sich später bewähren, wenn er als Mitglied der Bekennenden Kirche dem Nazistaat die Stirn bot und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Oberkirchenrat an der Neugründung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mitwirkte. In diesen Tagen wird an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnert, Greins Kriegstagebücher geben einen sehr unmittelbaren Einblick in den Alltag an der Front, die schrecklichen Erlebnisse, auch die aus heutiger Sicht gewiss schiefen politischen Einschätzungen. „Von der Heimat besiegt und nicht geschlagen“ kehre das deutsche Heer zurück, notiert er in Köln, wo die Rückkehrer von der Bevölkerung gefeiert werden.

Das Führen von Tagebüchern war Soldaten verboten, aus Sorge, die darin notierten Daten könnten den Feinden in die Hand fallen. Dass Grein sich widersetzte, beschert den Lesern ein bewegendes Zeitdokument der Jahre 1915 bis 1919. Hans-Heinrich Herwig, der schon eine umfassende Grein-Biografie verfasst hat, erschließt sie mit ausführlichen Kommentaren, und er montiert geschickt aus den Tagebüchern und dem Briefwechsel zwischen Karl und Hedwig Grein eine Lesefassung, die das Geschehen in verschiedenen Perspektiven und Tonlagen erfasst. Mit den klugen und warmherzigen Antworten Hedwig Greins gewährt der Band auch den Einblick in eine sehr innige, vertrauensvolle Beziehung.