Aufstand in der Stadt D.

Ausrückende Soldaten im August 1914 auf der Darmstädter Rheinstraße vor der Kunsthalle. Vier Jahre später wurde das Ende des Krieges zum Zündfunken revolutionärer Bestrebungen: Davon erzählt Ernst Glaesers Roman „Frieden“. Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Nachgelesen bei Ernst Glaeser: Im Roman „Frieden“ ist die Revolution 1918 vorgestellt als Darmstädter Ereignis.

Anzeige

DARMSTADT. „In diesen Tagen fuhr ich nach D.... Bald sah ich die ersten Häuser von D. Und die hellen Viaduktbrücken des Bahnhofs, die roten Kasernen und die schieferbedeckten Türme der Kirchen, das graue Dach des großherzoglichen Schlosses, [...] und im Hintergrund das schleimige Weiß der griechischen Kapelle.[...] Ich fuhr in die Stadt.“

Die Stadt lässt sich unschwer erkennen: Darmstadt. Der sich ihr auf dem Fahrrad nähert, ist der Erzähler in Ernst Glaesers heute vergriffenem Roman „Frieden“ (1930), der durchblicken lässt, dass er bereits der Erzähler in Glaesers Erfolgsroman „Jahrgang 1902“ (1928) war, dort als „E.“ signierte und so eine autobiografische Identität mit dem Autor andeutete.

Ernst Glaeser, 1902 in Butzbach geboren, wohnte seit 1912 in Groß-Gerau, war Gymnasiast in Darmstadt, erlebte als 16-Jähriger das Ende des Ersten Weltkriegs. Am Bahnhof der Kleinstadt – Groß Gerau – tritt dem Erzähler der Frieden in den Weg: in Gestalt des Soldaten, dessen Armbinde die Aufschrift „Arbeiter- und Soldatenrat in D.“ trägt.

Anzeige

„Du kannst nach Hause gehen“, weist er den Schüler zurück, „der ganze Fahrplan ist erledigt!“ Mit dem Satz „Ich ging nach Hause“ endet der Roman. Zwischen den beiden Sätzen erstreckt sich die Erzählung der revolutionären Wochen nach dem Ende des Krieges bis hin zum Zusammenbruch des spartakistischen Widerstands in D. Sie präsentiert, nicht gerade mit Gewinn für eine lebendige Romanhandlung, die politischen Positionen, die der 16-jährige Erzähler teils sympathisierend, teils Orientierung suchend, zur Kenntnis nimmt, dabei das Wedekindsche Thema „Frühlings Erwachen“ aus Jahrgang 1902 beibehält.

Adalbert König, sein bewunderter Freund und Griechisch-Nachhilfelehrer, tritt als Verfechter des revolutionären Klassenkampfs hervor, den er gegen die Verheißungen des gerade anbrechenden Friedens behaupten will. „Schon erheben sich Stimmen,“ warnt er, „die in euren Ohren säuseln mit dem Wort des Friedens. [...] Ich zeihe diese Leute des Verrats an der Revolution. Ich zeihe sie der Unterschlagung der Sache des Proletariats. Ich zeihe sie der Abschwörung des Programms des Sozialismus.“

Adalbert König wird in D. Führer des im Marstall verschanzten spartakistischen Widerstands, der schließlich – wie König selbst – den Truppen der Mehrheitssozialisten der Regierung Bader zum Opfer fällt. Am Ende des Romans präsentiert sich eine neue Zeit, von der aus Max, der Freund des Erzählers, vormals Anhänger der Spartakisten, die gescheiterte Revolution als „überlebten Romantizismus“ abtut. Die neue Zeit produziert sich als Maskenball im Haus der reichen Mäzenatin Frau v. M. Die niedergeschlagene Revolution ist abgelöst durch die künstlerische Revolution der – Darmstädter – Sezession, der Künstler und Theaterleute, deren Aufbruch sich in Alkohol und Sex erschöpft: „,Es lebe die Revolution!’, schrien sie: ‚à bas le bourgeois! Eheu, Phallos!’“ Hier bricht sogar das Darmstädter Idiom durch: „,Hör mer uff mit dene Fisimadente’, lachte der Maler, ‚es is noch e bißche zu frih...’“ Insular hält sich im orgiastischen Bacchanal die Revolutionsthematik: Drei zivile Zaungäste unterhalten sich über Kapitalismus und Revolution. Einer von ihnen ist „mit dem besonderen Auftrag von drüben gekommen, die Partei von unbrauchbaren Intellektuellen zu säubern. Weil der Aufstand von Adalbert König bewiesen hat, daß es mit solchen Genossen nicht geht.... Glauben Sie mir, in einer Woche fliegt das ganze anarchistische Künstlergesindel aus der Partei.“

So überdauert im düsteren Omen der Säuberung die Idee der Revolution. Der Roman aber mündet in die aller Idealität bare Restauration. Der Erzähler kehrt aus Darmstadt in seinen Wohnort zurück: „Als ich in unserer Stadt ankam, war es acht Uhr. Überall in den Geschäften rasselten die Läden hoch.[...] Die Besitzer der Läden standen vor den Türen und lachten, denn die Auslagen ihrer Geschäfte waren fast wieder so schön und komplett wie 1913.“ Ist die Kaiserzeit vorbei, überdauern doch Kaisers Brustkaramellen. So zeichnet der Roman mit resignierender Geste die Revolution, die im Frieden unterging.

Von Klaus Hofmann