Zwei Filmbiographien über Marcel Reich-Ranicki

Ein scharfsinniger Intellektueller und Holocaust-Überlebender: Marcel Reich-Ranicki wurde 93 Jahre alt. Foto: epd

Ein scharfsinniger Intellektueller und Holocaust-Überlebender: Zum 100. Geburtstag des Literaturpapstes würdigt das Fernsehen ihn mit ausgesuchten Filmen auf 3sat und ARD.

Anzeige

MAINZ. Streitbar, schlagfertig und nie um ein messerscharfes Urteil verlegen: Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) war Deutschlands wichtigster Literaturkritiker. Unvergessen ist sein legendärer Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis 2008, als der meinungsstarke Moderator zur Überraschung des Publikums auf offener Bühne sagte: „Ich nehme diesen Preis nicht an“ und das TV-Programm als „Blödsinn“ titulierte. Am 30. und 31. Mai würdigt das Fernsehen den langjährigen Leiter des ZDF-Büchertalks „Das Literarische Quartett“, der am 2. Juni seinen 100. Geburtstag feiern würde, mit mehreren Beiträgen.

Der Kulturkanal 3sat wiederholt am 30. Mai den Dokumentarfilm „Ich, Reich-Ranicki“. In dem Film von Lutz Hachmeister und Gert Scobel kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, darunter Reich-Ranickis inzwischen verstorbener „Quartett“-Mitstreiter Hellmuth Karasek und sein Sohn Andrew Ranicki. Illustriert mit raren Bildern aus dem Archiv und persönlichen Erzählungen von Marcel Reich-Ranicki, entwirft der Beitrag das Panorama eines vom Holocaust überschatteten Jahrhundert-Lebens.

1943 gelang ihm die Flucht aus dem Warschauer Ghetto

Reich-Ranicki kam 1920 im polnischen Wloclawek als drittes Kind jüdischer Eltern zur Welt und wurde als Neunjähriger zu Verwandten nach Berlin geschickt. Die Literatur spendete ihm Trost, als es für Juden im nationalsozialistischen Deutschland immer gefährlicher wurde. 1940 mussten der junge Mann und seine Familie ins Warschauer Ghetto umsiedeln. Ihm selber gelang 1943 die Flucht, doch seine Eltern und sein Bruder wurden ermordet. In dem 2006 gedrehten Film schildert Reich-Ranicki ergreifend, wie er vom Tod seines Bruders Alexander erfahren hat. Nach der gemeinsamen Flucht aus dem Ghetto versteckte er sich mit seiner Ehefrau Teofila, genannt Tosia, bei einem polnischen Paar. Später machte Reich-Ranicki als Buchkritiker und exzellenter Kenner vor allem der deutschen Literatur Karriere.

Anzeige

Kontroversen mit Grass und Walser

Der scharfsinnige Intellektuelle wurde Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, so richtig populär macht ihn jedoch die ZDF-Sendung „Das Literarische Quartett“, die er von 1988 bis 2001 leitete. Es war vor allem Reich-Ranickis Verdienst, dass die Büchershow das sperrige Thema Literatur im eher oberflächlichen Massenmedium Fernsehen etablierte. Wenn Reich-Ranicki mit lauter Stimme, großer Geste und unverblümter Wortwahl („Das Buch ist Schwachsinn“) eine Neuerscheinung in der Luft zerriss oder aber eine andere über den grünen Klee lobte, war das Publikum begeistert. Immer wieder focht er aber auch Kontroversen unter anderem mit Günter Grass, Martin Walser, Peter Handke oder Sigrid Löffler aus. 2001 wurde die Sendung beendet, seit 2015 läuft sie wieder regelmäßig – derzeit mit der Autorin Thea Dorn als Gastgeberin.

Am 31. Mai wiederholt das Erste dann „Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben“ (23.35 Uhr), die 2009 entstandene Verfilmung der Bestseller-Autobiografie des Literaturpapstes – Matthias Schweighöfer verkörpert darin den jungen Reich-Ranicki. Der Film konzentriert sich auf die Lebensphase zwischen 1928 und 1958, er erzählt zugleich die bewegende Liebesgeschichte zwischen Reich-Ranicki und seiner Frau. Das Paar verbrachte seine letzten Lebensjahre in Frankfurt am Main. Teofila starb 2011 im Alter von 91 Jahren, Marcel Reich-Ranicki erlag am 18. September 2013 mit 93 Jahren einem Krebsleiden.