Schillernde musikalische Kostbarkeit

Feinfühlig, stilsicher und einfallsreich präsentierte sich das Orgelspiel von Christof Becker in der Marienstiftskirche. Foto: Schultz

Als eine äußerst wohltuende Veranstaltung erwies sich die Orgelvesper in der Marienstiftskirche am Pfingstsamstag. Zwar war der gebuchte Speyrer Domorganist Markus Eichenlaub...

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LICH. Als eine äußerst wohltuende Veranstaltung erwies sich die Orgelvesper in der Marienstiftskirche am Pfingstsamstag. Zwar war der gebuchte Speyrer Domorganist Markus Eichenlaub verhindert und die Besucherzahl durch Krisenregularien begrenzt. Doch Marienstiftskantor Christof Becker sprang nicht nur ein, sondern machte das Konzert zu einer hochprägnanten, musikalisch schillernden und wohltuenden Kostbarkeit.

Pfarrerin Barbara Lang würdigte den Abend „nach so vielen Wochen“ als „etwas Besonderes“, und die wenigen markierten Plätze waren denn auch fast alle besetzt.

Kantor Becker begann das Konzert nach einer kurzen Einführung zu den Stücken mit Johann Sebastian Bachs „Fantasia super Komm Heiliger Geist“ in F-Dur. Er eröffnete mit feierlichem, großem Auftakt, dem ein Übergang ins fast Nachdenkliche folgte. Prägnante, sonore Basslinien akzentuieren diesen Teil des Werks, das sodann abwechslungsreich durch diverse tonale Ebenen mäandert. Insgesamt vermittelt die Musik so etwas wie eine Aufbruchsstimmung, die mit sanfter Sprudeligkeit daherkommt.

In der Introduktion zarter als Bach war Dietrich Buxtehudes Choralbearbeitung „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ BuxWV 209 gehalten. Zunächst war das sehr ernst gestaltet. Nicht so breit angelegt, eher erzählend im Duktus, so, dass man sich gut ein Gebet vorstellen konnte. Becker hielt den sachten Tonfall und gestaltete zweckdienlich und sicher – ein schöner Kontrast auch im Inhaltlichen.

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Das Konzert wurde unterbrochen durch zwei kurze Lesungen aus der Pfingstgeschichte.

Max Regers „Komm, o komm Du Geist der Wahrheit“ ist ein selten gespieltes, ganz kurzes Werk, das eine Art Essenz diverser kompositorischer Intentionen darstellt. Ein ebenso verblüffender wie anregender Aspekt, vielleicht sogar etwas enttäuschend, da man spontan neugierig wurde.

Es folgte Oliver Messiaens „Apparition de l‘Eglise Eternelle (1932). Becker realisierte plastisch die Bogenform des zehnminütigen Stücks von 1932, das mit einem massiven Gestus gleichsam schräg und zugleich offenkundig genau kalkuliert anhebt und den Zuhörer in eine hochinteressante, aparte Klangwelt entführt – Schreien da Menschen? Es folgen Partien von strahlender Schönheit, kontrastiert von dissonanter Unruhe; eine Wirkung wie ein Streben nach Erfüllung, dann wieder Versinken in Zweifel und Unruhe: ein intensives, kontrastreiches Werk. Becker agierte mit sehr guter, feinfühliger Klanggestaltung, stilsicher und einfallsreich – ein erster Höhepunkt.

Joseph Jongens „Cantabile“ op. 37 Nr. 1, der nächste Glanzpunkt, brachte mit seinem zarten, fast lyrischen Auftakt und dem nachdenklichen, sanften Fluss wunderbare lyrische Klangelemente und ein schwebendes Geschehen ein, während sich eine fragile Spannung aufbaute.

Den abschließenden strahlenden Akzent setzte Becker mit Louis Viernes „Carillon de Westminster” aus „Pieces de Fantaisie“. Mit flötigem Klangcharakter wurde das schlichte Motiv zunächst recht konsequent behandelt. Es folgten differenzierte Abwandlungen und Variable, ein große Auffaltung ins Monumentale, reich verziert: kundig setzte Becker einen fulminanten Schlusspunkt und ließ die Orgel das Haus damit nachdrücklich bis ins letzte Eck füllen. Das Publikum applaudiert ohne zu Zögern und sehr lange – man würdigte einen wichtigen Markstein des regionalen Musikgeschehens und ein großes Vergnügen.