Schauspielgroteske erzählt vom großen Zusammenbruch

Raus aus der alten Welt, rein ins neue Baumhaus: Tilda (Johanna Malecki) lässt die Schicksalsschläge stoisch über sich ergehen. Der Erzähler (Magnus Pflüger) berichtet, wie es mit ihr weitergeht. Foto: Rolf K. Wegst

Auftakt mit Gesellschaftspanorama: Für „Gold“, das Debüt des Berliners Philipp Gärtner, schlüpften die neun Darsteller des Gießener Stadttheaters in die...

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GIESSEN. Eine solche Rückkehr hätte sich das Schauspielensemble des Stadttheaters nach der langen unfreiwilligen Bühnenpause wohl kaum besser ausdenken können: Für „Gold“, das erste Stück des jungen Berliners Philipp Gärtner, duften sich die neun Darsteller hemmungslos im Kleiderfundus des Hauses bedienen, um in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen. Als Bademeister und Anwälte, als Polizisten und Immobilienmaklerin, als Hippies und Orthopäden, als Kinder, Hund und Hase erzählen sie in diesem „spätkapitalistischen Märchen“ vom Ende der Welt, wie wir sie kennen. So bietet diese Uraufführung von Gastregisseur Titus Georgi und seinem Bühnenausstatter Jochen G. Hochfeld jede Menge Witz und Tempo, wenn quasi im Minutentakt neue Figuren die Szenerie betreten. Aber auch viele dunkle Momente gehören zu dem zweiteiligen Theaterabend, dessen harte stilistische Brüche allerdings eher irritieren als überzeugen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht zunächst die Studentin Tilda (Johanna Malecki), die auf dem Fahrrad unterwegs ist und dabei von einem Pizzaboten (Stephan Hirschpointner) angefahren und am Bein verletzt wird. Es ist der Beginn einer einzigen Höllenfahrt für diese junge Frau, die fortan statt Mitgefühl vor allem Selbstsucht, Gier und Gefühlskälte erleben muss. Tilda, die sich mit Gelegenheitsjobs finanziert, wird vor Gericht von der Gegenseite wie von ihrer Anwältin übers Ohr gehauen, sitzt plötzlich auf einem Berg von Rechnungen und verliert auch noch ihre billige WG-Couch, weil sie von einer rachsüchtigen Mitbewohnerin vor die Tür gesetzt wird. Die junge Frau nimmt all diese Tiefschläge allerdings eher stoisch als verzweifelt zur Kenntnis. Diese von den Verhältnissen in die Mangel genommene Figur lässt sie die skurrilen, grotesken, vergifteten Verhältnisse wie eine neutrale Beobachterin über sich ergehen, ohne dabei psychologisch ausgeleuchtet zu werden.

Für das Publikum bieten diese grellen Überzeichnungen viele amüsante Momente, weil die Regie das Ensemble immer wieder von der Leine lässt. Etwa wenn die humpelnde Tilda auf ihren selbstverliebten Tanzpartner (Tom Wild) trifft, der seinen Auftritt zu einer skurrilen Heavy-Metal-Performance macht. Oder wenn Anna-Elise Minetti und Pascal Thomas, Cafébetreiberin und Cafébesucher der dort kellnernden Tilda zeigen, dass es auch im vermeintlich linksalternativen Milieu nicht menschenfreundlicher zugeht als anderswo. Oder wenn die Karikatur eines rechten Preppers (Sebastian Songin) vom nahen Ende der Welt fabuliert. Oder oder oder.

Der Ton ist heiter, die Bilder sind überzeichnet, das Vergnügen groß, wenn die Darsteller ihre Verwandlungsfähigkeiten in vielen kleinen Miniaturen unter Beweis stellen. Zusammengehalten werden diese Kurzkapitel durch einen durchtriebenen Erzähler (Magnus Pflüger), der wie ein Zirkusdompteur durch die Szenerie führt – bei Regisseur Georgi eine Art Zirkusmanege, die permanent kreiselnd in Gang gehalten wird. Tilda ist hier so ziemlich die Einzige, die nichts zu lachen hat. Dann regnet es Gold – doch besser wird es für dieses Figurenensemble nicht.

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Zwar kann Tilda zunächst aufatmen, weil eine Sicherheitskraft (Tom Wild, mit hartem Dialekt und herrlichem Vokuhila), sie zwar als Ladendiebin erwischt hat, aber kurz darauf von einem der Goldklumpen erschlagen wird. Doch in der Unterwelt, in die sie sich nach dem großen Edelmetallregen geflüchtet hat, geht es noch weit archaischer zu. Und nun entwickelt sich auf der Bühne eine Dystopie, in der es ums blanke Überleben geht.

Tilda hat daran allerdings kaum noch Anteil. Sie setzt fortan nur noch zunehmend panische Sprachnachrichten aus dem Off ab und wird sonst weitgehend ihrem ungewissen Schicksal überlassen. Dafür übernehmen nun einige der aus dem ersten Teil bekannten Figuren die Bühne. Damit ändert sich auch die Tonlage des Abends: Der schräge Witz wird von parolenartigen Dialogen abgelöst, die in an das Regietheater von René Pollesch erinnern. Die Drastik erinnert an Michael Hanekes Film „Wolfszeit“, in dem ebenfalls eine Gesellschaft nach dem Zusammenbruch geschildert wird. Die Geschichten werden hoffnungsloser, obskurer und auch absurder, wenn etwa eine Unterweltgestalt (Paula Schrötter) immer wieder mit einem gurgelnden Boiler Zwiesprache hält.

So geht in diesem zweiten Teil einiges von dem verloren, was den Theaterabend zunächst ausgemacht hat. Doch bevor sich hier endgültig alle an den Kragen gehen, zeigt „Gold“ doch noch einmal, dass man diesen Weltuntergang so ernst vielleicht besser nicht nehmen sollte: Wenn ein seltsames Clownspaar (Carolin Weber, Tom Wild) Beziehungsgespräche führt und daran und an sich genauso verzweifelt, wie zuvor die arme Tilda an der kalten Gesellschaft.

Die nächsten Aufführungen: 24. September, 3. Oktober, 22. Oktober, 18. November.

Von Björn Gauges