Premieren-Marathon mit drei Beckett-Stücken in Wiesbaden

Auch in „Endspiel“ gab es eine Umbesetzung: Philipp Appel (rechts) als Clov, mit Christian Klischat. Foto: Monika & Karl Forster

Ein Kraftakt, der sich für das Publikum lohnt: Mit „Glückliche Tage“, „Endspiel“ und „Warten auf Godot“ startet das Staatstheater einen kleinen Corona-Spielplan.

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WIESBADEN. Samuel Beckett soll auf die Frage, wen er in den Rollen seiner beiden Landstreicher Wladimir und Estragon sehe, mal geantwortet haben: „Dick und Doof“. Stan Laurel und Oliver Hardy haben das clowneske Duo aus „Warten auf Godot“ nie gespielt. Dafür aber Persönlichkeiten wie Heinz Rühmann und Ernst Schröder, Michael Maertens und Ernst Stötzner und in New York sogar die US-Stars Steve Martin und Robin Williams.

Aber wenige Vorstellungen von Becketts bekanntestem Stück dürften so ungewöhnlich gewesen sein, wie die Premiere am Samstag im Staatstheater Wiesbaden: Für den zwei Tage zuvor erkrankten Michael Birnbaum sprang der Regisseur der drei Stücke ein, Intendant Uwe Eric Laufenberg. Gut, dass er auch gelernter Schauspieler ist.

Ursprünglich war „Godot“ bereits für den Freitag angesetzt worden – nach „Glückliche Tage“ am Donnerstag. Als abschließender Teil drei der Beckett-Trilogie war für Samstag „Endspiel“ geplant. „Godot“ und „Endspiel“ tauschten die Plätze. Da Birnbaum aber weiter ausfiel, ermöglichte das Laufenberg auch, einen Tag länger dessen Rolle zu lernen. Er gab einen jovialen Wladimir mit Textbuch in der ausgebeulten Manteltasche und launigen Bemerkungen zum Souffleur, der immer auf Höhe des Stückes war. So stiefelte der Intendant mal improvisierend, dann wieder textsicher über die angeschrägte Bühne (Rolf Glittenberg) mit dem windschiefen Bäumchen und lieferte sich mit Estragon (aus der ausgezeichneten Sybille Weiser wird laut Programmheft „Bill“ Weiser) das absurde Scharmützel, das dieses Stück zur Redewendung gemacht hat: das ganze Leben als endloses Warten.

Der 1,50 Meter lange Stock – als Erinnerung an den Abstand gedacht – bekommt auch eine Rolle: als Gehhilfe, Hörrohr und Knüppel. Laufenbergs Strichfassung bringt einige aktuelle Anspielungen, verzichtet aber auf den Boten, der ausrichtet, dass Herr Godot sich verspäte. Damit spitzt er noch mehr zu: Gibt es diesen Godot überhaupt? Oder wartet man vollkommen grundlos? Da ist die Ankunft des peitschenknallenden Pozzo (generös und brutal zugleich: Christian Klischat) und seines Knechts Lucky (Atef Vogel) eine Abwechslung in der ereignislosen Ödnis.

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Von der Leere draußen in die Enge drinnen: Auch bei „Endspiel“, dieser apokalyptischen Dystopie, reiben sich als einzige Überlebende zwei Paare aneinander. Hier gab es ebenfalls durch den Ausfall Birnbaums eine Änderung. Philipp Appel sprang sehr souverän als Clov ein, dem vom blinden Hamm (auch hier verstörend diabolisch und gnadenlos: Christian Klischat) die Dienerrolle aufgezwungen wird. Sehr berührend Bernd Ripken als Hamms Vater Nagg, fein und gefühlvoll Evelyn M. Faber als seine Mutter Nell. Beide agieren, herausgeputzt wie ein Brautpaar (Kostüme: Marianne Glittenberg) und laut Stück nach einem Unfall ohne Beine, aus Müll-Containern heraus.

Evelyn M. Faber zeigt auch in „Glückliche Tage“ eine begeisternde schauspielerische Leistung mit ihrem Endlos-Monolog der Winnie. Den Willie spielt ihr Ehemann Gottfried Herbe und macht trotz der wenigen Worte aus dieser Rolle eine einprägsame Figur. „Glückliche Tage“ überzeugt rundum.

Für das Staatstheater ein Kraftakt, diese drei Premieren des eigenen kleinen Corona-Spielplans direkt hintereinander abzuliefern. Für das Publikum lohnt er sich: Diese Beckett-Trilogie bietet einen klugen Überblick über sein Schaffen, das sich plötzlich als sehr aktuell empfiehlt. Das erschreckende Stehenbleiben der Zeit, das wir alle in den vergangenen Wochen erlebt haben, findet hier auf der Bühne seinen Widerhall. Becketts Konstrukte von Chaos und Kontrolle, enttäuschten Erwartungen und Erinnerungslücken und seine versehrten Figurenpaare, die nicht mit und nicht ohne einander können – all das führen die drei Stücke stimmig zusammen.