Premiere des Tanzstücks „Freiheit“ im Mainzer Staatstheater

aus Staatstheater Mainz

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Freiheit als Festlegen von Grenzen: So interpretieren die acht Tänzer das Thema ihres Stücks. Foto: Staatstheater Mainz

Bei der Premiere von „Freiheit“ im Mainzer Staatstheater legt das tanzmainz-Ensemble eine ganz eigene Interpretation hin – und ein Traum gerät zum Albtraum.

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MAINZ. Wer eine Premiere von tanzmainz besucht, weiß schon, dass er kein 08/15-Tanzstück sehen wird. Die Choreografien, die Honne Dohrmann seit 2014 für das Mainzer Publikum aussucht, sind innovativ, modern, außergewöhnlich. Und doch schafft er es bereits seit fünf Jahren immer wieder, die eingefleischten Tanzmainz-Fans zu überraschen und Stücke auf die Bühne zu bringen, die man so noch nie gesehen hat.

Freiheit als Festlegen von Grenzen: So interpretieren die acht Tänzer das Thema ihres Stücks. Foto: Staatstheater Mainz
Freiheit als Festlegen von Grenzen: So interpretieren die acht Tänzer das Thema ihres Stücks. Foto: Staatstheater Mainz

Unter dem profanen Titel „Freiheit“ veranstalten die beiden Hauschoreografen Guy Weizman und Roni Haver, die unter anderem schon mit „Small Places“ von sich reden machten, einen surrealen und farbgewaltigen Psychotrip. „Alles so rosa hier!“, schwärmt Tänzer Louis Thuriot gleich zu Beginn – doch der Traum in Pink gerät eher zum bedrückenden Albtraum. In 18 Szenen, die exakt nach 3:20 Minuten enden, entwickeln die acht Tänzer eine ganz eigene Interpretation von Freiheit. Eine Freiheit, die das Festlegen von Grenzen beinhaltet, Gebietsansprüche, Kontrolle, innere und äußere Schranken. Verdeutlicht durch ein Käfiggestell, das die Tänzer mal trennt, mal vereint. Die Farbe Pink dominiert alles: Kostüme, Licht, Requisiten, alles ist kitschig bonbonfarben, künstlich ausgeleuchtet. Das Treiben auf der Bühne scheint einer psychedelischen Drogenfantasie aus den 1970er Jahren entsprungen zu sein. Aber trotz der Quietschfarben ist niemandem nach Lachen zumute, viel eher schnürt es einem die Kehle zu, wenn die Tänzer epileptisch zu Elektrobeats zucken oder roboterhaft und fremdgesteuert zu den kontrastierenden Klängen von Georg Friedrich Händel tanzen.

Die Ensemblemitglieder glänzen nicht nur mit ihrem überragenden Tanztalent, sondern auch dank ihrer großen Spielfreude. Allen voran Eliana Stragapede, die zierliche und unglaublich bewegliche Italienerin, die es wie keine andere versteht, Gefühle allein durch Mimik und Körpersprache auszudrücken. Für erlösende Lacher sorgt Matti Tauru, wenn er mit entblößtem, schneeweißem Oberkörper in knallpinken Lack-High-Heels über die Bühne stolziert und sich bei der imaginären Jury für seinen Sieg als Schönheitskönigin bedankt. Beeindruckend auch die Performance von Nora Monsecour: in ihrem glänzenden Lackoutfit mit hohem Zopf sieht sie aus wie eine Superheldin auf Rachefeldzug gegen die Unterdrückung der Frauen.

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Aber auch die restlichen vier Tänzer haben ihre starken Momente. Sehr berührend zum Beispiel der Sprechpart der zarten Daria Hlinkina, wenn sie gesteht, dass sie sich für eine Narbe schämt, derweil fünf ihrer Kollegen im Hintergrund vollkommen ungeniert und splitterfasernackt ihre ganz persönliche Freiheit feiern. Mut zur Hässlichkeit beweist Maasa Sakano, die sich über und über mit Farbe begießt und mit irren Grimassen eine Art Veitstanz vollführt.

Als sich der Vorhang nach extrem kurzweiligen 18 x 3:20 Minuten senkt, ist das Publikum nicht mehr zu halten. Nicht enden wollende, absolut verdiente Standing Ovation für ein Ensemble, das im wahrsten Sinne des Wortes an seine Grenzen gegangen ist, und ein Choreografen-Duo, das Mainz zum vierten Mal mit einem unvergesslichen Stück beschenkt. Leider zum vorerst letzten Mal: Mit Ende der aktuellen Spielzeit beenden Guy Weizman und Roni Haver auch ihre Tätigkeit als Hauschoreografen des Staatstheaters.