Preis für Darmstädter Staatstheater-Plakate

Götz Gramlich Foto: Gramlich Design

Der Heidelberger Designer Götz Gramlich erhält den Joseph Binder Award. Seine Entwürfe, die das Spielzeitmotto „Abschied von den Helden“ beleuchten, fanden nicht immer Zustimmung.

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DARMSTADT. Die Sache ist ein Irrtum, aber einer, über den Kai Rosenstein sich mächtig freut. In der vergangenen Spielzeit war die Stadt voll mit Plakaten des Staatstheaters – da hat es doch sicher seinen Werbeetat umgeschichtet? Stimmt nicht, sagt Rosenstein, in der Marketing-Doppelspitze des Theaters fürs Grafische zuständig. Es waren nicht mehr Plakate als sonst, sie wurden nur stärker wahrgenommen. In Schwarz, Weiß und Rot hatte der Heidelberger Designer Götz Gramlich das Spielzeitmotto „Abschied von den Helden“ aufgegriffen und auf jedes einzelne der Stücke bezogen. 27 Motive sind auf diese Weise entstanden, einige auch für Produktionen, die wegen der Corona-Schließung gar nicht mehr auf die Bühne gelangten. Für diese Arbeit gab es jetzt eine besondere Auszeichnung: den Joseph Binder Award in Gold für die beste Plakatkampagne, ausgewählt von einer internationalen Jury, die über tausend Einsendungen aus 46 Ländern zu beurteilen hatte.

„Zu jedem Stück ein Sinnbild finden, Titel drauf, fertig! Hört sich einfach an, ist es auch“, scherzt Gramlich, weil das Understatement den Blick auf die eigentliche Herausforderung lenkt. Denn was ist das Sinnbild für eine Inszenierung? Darüber wird es schon innerhalb eines Produktionsteams unterschiedliche Ansichten geben. Der Grafiker hat sich also in viele Stücke erst einmal einlesen müssen und ziemlich viele Sitzungen in Darmstadt absolviert, um herauszufinden, in welche Richtung die künstlerische Arbeit läuft. Und nicht immer trafen seine Ideen auf Zustimmung, manchmal brauchte es einen zweiten oder dritten Anlauf, bis das Motiv gefunden war, „das unter alle Hüte passt“, erzählt der Gestalter. Über einige Motive wurde besonders lange debattiert. Für „König Ödipus“ etwa hatte Gramlich die blutige Hand mit einer Virtual-Reality-Brille kombiniert, auf der die Buchstaben „MILF“ als obszönes Kürzel auf den Sex mit der Mutter verweisen.

Für Gramlich, der in Darmstadt am Fachbereich Gestaltung studiert hat, sind die Aufträge aus dem Kultursektor besonders reizvoll; unter anderem hat er Kampagnen für die Mannheimer Schillertage und den Mozartsommer entworfen. Und wenn es große Häuser sind, stimmt auch das Honorar. Dass Darmstadt sich vom statischen Erscheinungsbild verabschiedet und jeder Spielzeit ein neues grafisches Gesicht gibt, findet er ebenso mutig wie reizvoll, „es ist wie ein frischer grafischer Wind, der durch die Straßen fegt“. Sein Wind weht in klaren Farben und einem wiederkehrenden Bildaufbau: Motive zum Stück in schwarz-weiß, im Schauspiel eher frei assoziiert, im Musiktheater stärker an der Erzählung des Stückes orientiert. Darüber rote Verbindungslinien, die mit den Bildern spielen, schließlich kleine Signale der Vergänglichkeit, ein zerknittertes Papier hier, ein gesprungenes Glas dort. Die Brüchigkeit ist gewollt, wenn es um den Heldenabschied geht.

Die Gespräche über die Plakate, erinnert sich Rosenstein, haben auch dem Theater gutgetan. Ein Produktionsteam hat einen besonders intensiven Blick auf die künstlerische Arbeit, das Marketing muss nach außen vermitteln – da konnte der „Verhandlungsprozess über die Sichtweise auf ein Stück“ für alle Beteiligten erhellend wirken. Und er trug dazu bei, dass das Spielzeitmotto „Abschied von den Helden“ nicht nur öffentlich stärker wahrgenommen wurde, sondern auch in den internen Gesprächen häufiger zur Sprache kam. Und auch öffentlich diskutiert wurde: „Plakate sind ein ungeheuer wichtiger Imageträger für uns“, sagt Rosenstein, „sie tragen nach außen, was wir produzieren.“

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Für das äußere Erscheinungsbild des Hauses setzt Rosenstein auf eine Doppelstrategie: Die grundlegende Typografie des Büros Sweetwater/Holst bleibt erhalten und verbindet die Spielzeiten. Für die Gestaltung von Plakaten, Flyern und Programmheften sucht das Theater „junge, aber herausragende Designbüros“, deren Vorschläge schon auf das kommende Spielzeitmotto abgestimmt sein sollen. Jedes Jahr eine neue Bildsprache, „der Wechsel erhöht die Aufmerksamkeit“, sagt der Marketingmann. Für die aktuelle Saison hat Sandra Doeller aus Frankfurt die Aufforderung „Komm ins Offene“ durch große, formatsprengende, ineinander gedrängte, einfarbig oder weiß gefüllte Buchstaben symbolisiert, deren Hintergrund von kleinen, irritierenden, manchmal verwaschenen Fotomotiven belebt wird. Für Rosenstein ist es ein Entwurf, in dem sich die individuell eigenen Erfahrungsräume öffnen, das persönliche Erlebnis. Während Gramlich für die Plakate ausgezeichnet wurde, hätte Döller nach Ansicht des Marketings einen Preis fürs Gesamtkonzept verdient.