„Pieces Of A Woman“: Filmdrama um eine Geburt auf Netflix

Shia LaBeouf als Sean (links) und Vanessa Kirby als Martha in einer Szene des Films „Pieces Of A Woman“. Foto: Benjamin Loeb/Netflix/dpa

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó verarbeitet mit Ehefrau und Drehbuchautorin Kata Weber in seinem ersten Auslandsfilm eigene Erfahrungen.

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. Der Alltag der hochschwangeren Martha ist recht beschwerlich, und doch schwebt sie wie auf Wolken. Nach der Babyshower-Abschiedsparty im Büro geht die junge Frau nach Hause und in die Arme ihres liebevollen Mannes Sean. Der Brückenbauarbeiter hat bereits mit Stolz die Gratulation seiner Kollegen zur bevorstehenden Geburt seines Kindes entgegengenommen. Auch die Wiege im hübsch dekorierten Kinderzimmer steht bereit. Jetzt muss Martha nur noch „liefern“. Als die Wehen einsetzen, wirken die beiden wie ein perfekt eingespieltes Team. Zwar kann die geplante Hebamme nicht kommen, doch ihre Stellvertreterin Eva wirkt kompetent. Was kann da noch schief gehen? Doch die in kuscheliger Wohnungsatmosphäre begonnene Entbindung entwickelt sich zwischen atmen, Herztöne messen und pressen zu einem nervenzerrenden Alptraum.

Fast 30 Minuten lang wird in dem Filmdrama „Pieces of a Woman“, das auf Netflix zu sehen ist, in einer einzigen, ungeschnittenen Sequenz eine Hausgeburt geschildert, bei der trotz bester Bedingungen eben doch etwas schief läuft. Die Interaktion der drei Protagonisten ist wie eine Live-Performance, bei der man nicht wegsehen kann. Wenn die anfangs gelöste Stimmung durch Zeichen leiser Nervosität beeinträchtigt wird und sich im Hin und Her zwischen Witzen und gut Zureden allmählich Panik breit macht, kann man das sich abzeichnende Unglück schließlich ebenso wenig fassen wie die Beteiligten.

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó verarbeitet hier mit Ehefrau und Drehbuchautorin Kata Weber in seinem ersten Auslandsfilm, nach seinem Theaterstück, eigene Erfahrungen. Der unter die Haut gehende Filmbeginn prägt den Rest der Handlung, in der das Paar monatelang darum ringt, mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden. Das wird ihnen zusätzlich erschwert durch Marthas dominante Mutter Elizabeth (Altstar Ellen Burstyn), die darauf dringt, die Hebamme vor Gericht zu bringen. Wie gewohnt nimmt sie mit ihrem Scheckbuch die Sache schließlich selbst in die Hand. Angetrieben wird sie durch die Erinnerung an ihren Überlebenskampf in ihrer Kindheit.

Sichtlich soll Elizabeths Trauma der Rahmenhandlung – dem anstehenden Prozess – zusätzliche Spannung verleihen. Doch dieses inszenatorischen Kunstgriffes hätte es gar nicht bedurft. Was macht es mit hoffnungsfrohen werdenden Eltern, wenn statt des freudigen Ereignisses der Tod eintritt? In einer darstellerischen Tour de Force verkörpern Shia LaBeouf („Transformers“) und Vanessa Kirby (durch die Serie „The Crown“ als junge Prinzessin Margaret bekannt geworden) ein sich liebendes Paar, das sich beim Trauern fremd wird. Unter dem Gewicht des Schmerzes treten die Sollbruchstellen der Beziehung zu Tage. Sean, von der Schwiegermutter wegen seines gesellschaftlichen Status ohnehin abgelehnt, fühlt sich als Versager und flüchtet in hilflose Aggression. Er wird lauter, sie stiller: Die eigentliche Intensität des Films ist der Körpersprache von Kirby zu verdanken, die sich als Martha Schritt für Schritt in sich selbst zurückzieht. Mit schroffem Sarkasmus wehrt sie sich gegen das betretene Mitleid ihrer Umgebung und den wütenden Aktionismus ihrer Mutter.

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Dies ist kein herkömmliches Melodram mit Tränenfluten, sondern das meist stille Schauspiel einer Frau, die innehält, sich alle Zeit der Welt nimmt. Das Filmende ist wiederum formelhaft. Doch wie Martha mit winzigen Gesten aus ihrem Schneckenhaus herauskommt und das Weltgetriebe mit all seiner Tragik und unerbittlichen Dynamik zu akzeptieren beginnt, das ist auf leise Art ziemlich ergreifend.