Neues Album: Jonas Kaufmann wagt sich an „Otello“

Sie gilt als „Mount Everst für Sänger“: die Titelpartie in Verdis „Otello“. Die in Rom entstandene Aufnahme des Startenors mit Dirigent Antonio Pappano überzeugt insgesamt.

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. In diesen Tagen wäre Jonas Kaufmann beim Rheingau Musik Festival aufgetreten. Daraus wurde dank der Pandemie nichts – aber die jüngste Studioaufnahme des Weltklasse-Tenors kann durchaus ein wenig darüber hinweg trösten.

Kaufmann singt die Titelpartie in Giuseppe Verdis „Otello“. Das ist „der Mount Everest für Sänger“, wie es der verdierfahrene Dirigent Antonio Pappano formuliert. Die Tenöre, die sich an die Aufgabe herantrauen, werden ihm zustimmen. Seit Beginn der Stereoära haben sich nur einige wenige wie John Vickers, Mario Del Monaco oder Placido Domingo (die aber jeweils mehrfach) mit überzeugenden Leistungen im Studio an den Otello gewagt.

Nun folgt ihnen der augenblicklich weltweit populärste Tenor Jonas Kaufmann, gemeinsam mit Pappano, der schon das Live-Debüt des Sängers 2017 an der Londoner Covent Garden Opera (bei Sony auf DVD erschienen) am Dirigentenpult betreute, mit einer der inzwischen aus Kostengründen sehr selten gewordenen Studioeinspielungen einer Verdi-Oper.

An den Grenzen seines baritonal gefärbten Tenors

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Kaufmann liefert ein insgesamt überzeugendes Rollenporträt, auch wenn es scheint, als würden die Ausbrüche des ersten Aktes an die Grenzen seines baritonal gefärbten Tenors gehen. Er gestaltet ein differenziertes Psychogramm des von Beginn an von Zweifeln geplagten berühmten Feldherrn, der leicht zum Opfer der Intrige von Jago wird. Kaufmann meistert die vielen Pianopassagen und plötzlichen Wechsel der Partie mit beachtlicher Intensität, gelegentlich klingt er aber etwas gaumig. Ein gebrochener Held, der von manischer Eifersucht getrieben zum Mörder Desdemonas wird.

Lyrische Glut und genaueste Partiturbeherrschung

Die singt Federica Lombardi auf dieser Einspielung erstmals. Sie gibt eine recht naiv-mädchenhaft wirkende Desdemona ab, der die Gestaltungskraft einer Tebaldi oder Scotto noch abgeht. Carlos Alvarez legt Jago mit einiger Rollenerfahrung als raffinierten Strippenzieher an, fast elegant klingend, stimmlich nicht von rabenschwarzer Bösartigkeit geprägt.

Antonio Pappano am Pult des hervorragenden Chors und des Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia – auch das weitere Ensemble ist mehr als rollendeckend besetzt – begeistert auf dieser in Rom sehr gut aufgenommenen Doppel-CD mit einer nahezu perfekten Mischung aus auftrumpfender Dramatik, lyrischer Glut und genauester Partiturbeherrschung. Neben Kaufmanns Otello garantiert vor allem der Dirigent eine beachtenswerte Verdi-Einspielung.