Museumsdirektor Alexander Klar schreibt in seinem Gastbeitrag...

„She lies“ von 2010 (großes Foto) ist eine Arbeit von Monica Bonvicini vor der Oper in Oslo. Das kleine Foto zeigt ihren Entwurf einer Skulptur am Wiesbadener RMCC. Fotos: Künstlwebseite Bonvicini/Archiv

Bis die Pyramide der Künstlerin gebaut ist, wird das RMCC als unvollendet gelten müssen, sein Anspruch, Anbieter für Premiummessen zu sein, wird sich nicht auf dem Platz abbilden.

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WIESBADEN. Einem Bericht dieser Zeitung zufolge steht dieser Tage eine Sitzung der Betriebskommission des Rhein Main Congress Centrums (RMCC) an, in der die Zukunft des im vergangenen August zum Wettbewerbssieger gekürten Kunstwerkes von Monica Bonvicini Thema sein soll. Zur Diskussion steht die Aufhebung der Juryentscheidung vom August des letzten Jahres, in der Monica Bonvicini zur Siegerin des Baukunstwettbewerbes gekürt wurde.

„She lies“ von 2010 (großes Foto) ist eine Arbeit von Monica Bonvicini vor der Oper in Oslo. Das kleine Foto zeigt ihren Entwurf einer Skulptur am Wiesbadener RMCC. Fotos: Künstlwebseite Bonvicini/Archiv

Bei Bonvicinis Skulptur handelt es sich um eine helle Pyramide aus verschiedenartigen Treppenfertigteilen, auf deren Spitze ein Spiegel montiert ist. Die Arbeit stellt einen beziehungsreichen Mittler zwischen den zwei Treppenanlagen des RMCC und des Museums Wiesbaden dar. Sie wird so eine inhaltliche Brücke zwischen dem Museum und dem Kongresszentrum herstellen und so dem jetzt noch kunstlosen Platz eine Mitte verschaffen. Die Skulptur würde dem gegenwärtig vom gleichförmigen Ablauf der Kolonnaden des RMCC geprägten Platz einen Anlaufpunkt geben, der dem Platz noch fehlt.

Was Bonvicinis Pyramide so reizvoll macht, ist die Tatsache, dass sie nicht allein zum Betrachten errichtet wird, sondern von ihren Betrachtern bestiegen werden kann. Die Arbeit wäre nicht das Werk einer der besten lebenden Installationskünstlerinnen, wenn es nicht einen doppelten Boden gäbe: Die Begehbarkeit ist nämlich nur grundsätzlich gegeben, tatsächlich wird das Besteigen der Skulptur nach oben hin in zunehmendem Maße unmöglich, weil die Treppenstufen steiler werden und so ein Weiterklettern verhindern. Den Spiegel, der horizontal auf der Spitze der Pyramide liegt, wird wahrscheinlich nie jemand erreichen.

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Umgeben vom Pathos der Fassade Theodor Fischers und der monumentalen Geste des Kongresszentrums Ferdinand Heides ist die klar konturierte, menschlich dimensionierte Pyramide das geeignete Mittel, dem Platz die Seele einzuhauchen, die er noch nicht hat. Zugleich bildet die Skulptur ein selbstbewusstes Gegenstück zur Architektur, ohne dieser den Rang abzulaufen.

Eine Vorstellung von der gezähmten Kraft, die Skulpturen von Monica Bonvicini ausstrahlen, kann sich Wiesbaden in Oslo machen, wo Bonvicinis Skulptur „She lies“ (also wahlweise „Sie liegt“ oder „Sie lügt“) seit 2010 auf einem Betonponton vor der neu gebauten Oper von Oslo schwimmt. Diese Arbeit ist in ihrer technoiden Poesie ein Schwesterwerk des Wiesbadener Entwurfes und liegt ebenfalls vor einem wichtigen Neubau der Stadt, dem 2008 vom Architekturbüro Snoehetta entworfenen Opernhaus. Die Arbeit leistet dort, was in Wiesbaden noch fehlt, nämlich dem Raum vor der Architektur ein erzählerisches Moment hinzuzufügen, etwas, das Menschen vor der Architektur als ihr Gegenüber ansehen.

Als Vorsitzender der Jury fände ich die drohende Aufhebung der Wettbewerbsentscheidung ebenso peinlich wie bedauerlich, da damit nicht nur die gültige Juryentscheidung eines teuren Verfahrens ignoriert, sondern auch die unwiederbringliche Chance vertan würde, die herausragende Arbeit einer international renommierten Künstlerin in Wiesbaden zu realisieren. Das Werk ist umsetzbar, bisher durfte es allerdings nicht einmal bis zur Planungsreife gedeihen, da der Projektleiter des RMCC das Projekt persönlich nicht für genehmigungsfähig hielt und die Auftragsvergabe an die Künstlerin verweigerte.

Anspruchsvolle Krönung eines Bauprojekts

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Seine Sorge um die Genehmigungsfähigkeit der Arbeit kann ich nicht teilen. Monica Bonvicini führt weltweit große Installationen aus, warum sollte ihr das ausgerechnet in Wiesbaden nicht gelingen? Und Wiesbaden ist keinesfalls weniger fähig als Oslo, was die Umsetzung komplexer Bauvorhaben betrifft, das wurde am RMCC gerade eindrucksvoll bewiesen. Nun gilt es das Bauprojekt mit einer anspruchsvollen künstlerischen Arbeit zu krönen. Bis die Pyramide gebaut ist, wird das RMCC als unvollendet gelten müssen, sein Anspruch, Anbieter für Premiummessen zu sein, wird sich nicht auf dem Platz abbilden und die Landeshauptstadt Hessens wird weiterhin darauf warten müssen, dass ihr Auftrag, neben dem politischen auch das kulturelle Zentrum Hessens zu sein, im Stadtbild durch internationale Kunst eingelöst wird.

Von Alexander Klar