Museumsbesuche auf Rezept? Wie Kunst die Gesundheit fördert

aus Was Schönes

Thema folgen
"Artemis" hieß eine medizinische Studie der Uni Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Städel. Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen nahmen an interaktiven Kunstführungen mit anschließender Kreativarbeit teil - und konnten ihre Beschwerden deutlich reduzieren.  Foto: Uni Frankfurt

Studien, darunter auch ein Projekt der Uni Frankfurt mit dem Städel, zeigen: Die Beschäftigung mit Kultur stärkt die Gesundheit. Wieso es an der Zeit für eine Neubewertung ist.

Anzeige

FRANKFURT/RÜSSELSHEIM. Der gemeinsame Besuch von Museen, Theateraufführungen, Konzerten oder Lesungen - all das haben Kulturfreunde während der Corona-Lockdowns schmerzlich vermisst. Umso mehr Grund gibt es, sich nun über die Rückkehr der Kultur in unser Leben zu freuen. Denn aktuelle Studien zeigen: Die Beschäftigung mit Kunst und Kultur kann sogar die Gesundheit stärken. Das gilt insbesondere für Menschen, die sich selbst kreativ betätigen - also musizieren, malen, tanzen, singen oder auch Theater spielen. Aber auch schon der Besuch von Kulturveranstaltungen und Kultureinrichtungen kann das Wohlbefinden und die Gesundheit fördern.

Insgesamt 900 Einzelstudien zu diesem Thema aus verschiedenen Ländern hat die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer Metastudie zusammengefasst. Fazit: "Durch Aktivitäten wie Tanzen, Singen, Museums- und Konzertbesuche die Künste zu einem Teil des Lebens zu machen, bietet im Hinblick auf eine Verbesserung der Gesundheit eine neue Dimension" - das sagte Dr. Piroska Östlin, kommissarische WHO-Regionaldirektorin für Europa 2019 zur Veröffentlichung der Metastudie.

Level des Stresshormons Cortisol im Blut sinkt

Aber auch aus der Region gibt es Erfahrungswerte zur gesundheitsfördernden Wirkung von Kunst und Kultur. In der Kunsttherapie wird die Erkenntnis, dass eine kreative Tätigkeit sich positiv auf psychische Beschwerden wie Depressionen oder Angstzustände auswirkt, beispielsweise schon lange eingesetzt. "Zu malen regt die Lebensfreude an und entspannt", sagt Lissi Timmann, die als Kunsttherapeutin in Rüsselsheim die Praxis "Malglück" betreibt. "Man denkt oft nicht groß darüber nach, ist aber doch konzentriert. Das kann gut von Grübelgedanken oder anderen Sorgen ablenken". Mit ganz konkreten, körperlichen Auswirkungen: Studien, die in die WHO-Metastudie eingeflossen sind zeigen, dass schon eine einstündige kreative Tätigkeit das Level des Stresshormons Cortisol im Blut deutlich senkt.

Anzeige

Ein weiteres Feld, auf dem kreativtherapeutische Ansätze vielversprechende Ergebnisse gezeigt haben, sind Demenz-Erkrankungen. Die Frankfurter Goethe-Universität hat hierzu vor einigen Jahren eine Studie in Zusammenarbeit mit dem Städel durchgeführt. "Die Idee dazu kam uns auf einem Alzheimer-Kongress in Vancouver, wo Ergebnisse eines ähnlichen Projekts am MoMa in New York vorgestellt wurden", sagt Arthur Schall, Mitarbeiter am Bereich Altersmedizin des Instituts für Allgemeinmedizin. Für die Frankfurter "Artemis"-Studie wurden daraufhin 88 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht - 44 an Demenz erkrankte Menschen mit jeweils einem Angehörigen - die in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Eine Gruppe - die Kontrollgruppe - sollte zunächst nur eigenständig das Museum besuchen. Die andere Gruppe nahm an sechs Kunstführungen teil, die von den Forschern in Zusammenarbeit mit den Kunstvermittlern am Städel extra mit Blick auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz erstellt wurden. "Uns war schnell klar, dass wir dafür Themen suchen müssen, die entweder an die Biografie, an die Lebenswelt der Menschen mit Demenz anknüpfen, oder einen emotionalen Zugang bieten", berichtet Schall. Eine Führung widmete sich so beispielsweise Werken zum Thema Frankfurt, eine andere dem Schwerpunkt Familie und Kinder. Nach jeder Führung gab es zudem gemeinsame kreative Arbeit im Atelier. "Die Idee war, das wir dabei ganz einfache Techniken nutzen, die die Teilnehmer bestenfalls auch zu Haus mit relativ geringem Aufwand wiederholen können".

Die Ergebnisse der Studie: Insbesondere die Teilnehmer der Gruppe, die an den interaktiven Kunstführungen teilgenommen hatte, berichteten von einer Steigung ihrer Lebensqualität, Demenz-Begleitsymptome wie Apathie und Depressivität gingen signifikant zurück. "Eine Frau sagte uns, dass ihr an Demenz erkrankter Mann, der zu Anfang des Projekts sehr unruhig war und kaum sitzen bleiben konnte, viel ruhiger geworden ist", erzählt Schall. Sie hatte ihm Acrylfarben und eine Staffelei für zu Hause gekauft - und konnte so nach langer Zeit endlich auch selbst mal wieder etwas abschalten, wenn er entspannt ins Malen vertieft war.

Den Grund, wieso kreativtherapeutische Ansätze bei Demenz so förderlich sein können, liegt wie Schall erklärt unter anderem in der Möglichkeit zur Kommunikation, die sie an Demenz Erkrankten bieten. "Es geht nicht darum, dass dabei tolle Kunst entsteht, sondern um den Prozess, den emotionalen Ausdruck", erklärt Schall. Denn: "Das Bedürfnis, sich emotional auszudrücken und zu kommunizieren ist von Demenz selbst in der Spätphase nicht betroffen" - was jedoch schwindet, sind die sprachlichen Fähigkeiten und damit die Möglichkeit, verbal zu kommunizieren. Kreativtherapeutische Projekte wirken aber auch durch die soziale Teilhabe und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: "Sie sind ressourcenorientiert, man schaut nicht auf die Defizite, sondern auf das, was noch da ist", erklärt Schall. Indem kreative Tätigkeit das Gehirn aktiviert, könne man zudem teilweise sogar den bei Demenz stattfindenden Abbauprozessen entgegenwirken, sie verlangsamen. "Natürlich darf man sich keine Illusionen machen, dass die Beschäftigung mit Kunst oder Musik Demenz heilen kann", sagt Schall. "Aber das können auch die Medikamente nicht, die wir derzeit haben" - und Kunst und Kultur schafft darüber hinaus Lebensqualität.

Alle Artikel aus der Reihe #wasSchoenes finden Sie in unserem: Dossier

Anzeige

Bei den in Deutschland als Kassenleistung bezahlten oder auch nur ausdrücklich empfohlenen Behandlungsmöglichkeiten schlägt sich die Erkenntnis zur positiven Wirkung kreativtherapeutischer Ansätze jedoch noch nicht nieder - einzig Musiktherapie wird bisher von der Kasse bezahlt, und das auch nur im stationären Bereich. Schall hofft jedoch, dass hier eine derzeit stattfindende Überarbeitung der Leitlinien im nächsten oder übernächsten Jahr zumindest eine kleine Verbesserung bringen wird - "und irgendwann das Ganze dann hoffentlich auch zu einer Kassenleistung wird, Schlagwort Kunst oder Musik auf Rezept". In einigen anderen Ländern, beispielsweise Kanada und Großbritannien, können Ärzte ihren Patienten bereits jetzt Museumsbesuche oder kreative Betätigung verschreiben.

Von Johanna Dupré