Kulturschock im Senegal, Hinreißendes mit Mademoiselle Baudelaire

Pure Streicheleinheiten für die Augen: „Mademoiselle Baudelaire“. Foto: Splitter Verlag

Diese Graphic Novels sind ein Hit: Neuerscheinungen von „Toubab im Senegal“ bis „Mademoiselle Baudelaire“.

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. Der österreichische Zeichner Patrick Bonato war drei Monate im Senegal, um dieses Land kennenzulernen. In seinem Album „Toubab im Senegal“ (Luftschacht Verlag, 104 Seiten, 24 Euro) zeigt er in selbstironischen Strips, wie er versucht, mit dem Kulturschock fertig zu werden, dem er da auf Schritt und Tritt begegnet: Die brütende Hitze, die einen plättet. Die Gepäckträger, die alle „good price, good price“ rufen, aber vorher noch kurz bei einem Bruder, Onkel oder Freund vorbeifahren wollen, der super Sachen zu verkaufen hat. Die Guides, die sich allerorten hautnah aufdrängen und von denen man nicht weiß, wie man sie jemals wieder loswerden soll. Ob er gefühlt stundenlang auf ein kaltes Getränk wartet, nach dem Genuss einer neuen Chilisorte Feuer speit oder mit europäischer Steifheit versucht, flüssige Handbewegungen beim Trommeln hinzubekommen – dieser ständig schwitzende Toubab ist für die Senegalesen eine nie versiegende Quelle des Amüsements. Und für den Leser auch.

Ein starkes Album über innere Zerrissenheit liefert der Dresdner Matthias Lehmann mit „Parallel“ (Reprodukt Verlag, 464 Seiten, 29 Euro). Er beschreibt die Geschichte eines Schwulen namens Karl Kling. Bis in die neunziger Jahre war Homosexualität in Deutschland verboten und konnte mit Gefängnis bestraft werden – was in der Nachkriegszeit, in der die Geschichte beginnt, auch regelmäßig praktiziert wurde. Karl will sich seine Vorliebe für Männer nicht eingestehen. Außerdem hat er Sehnsucht nach einer Familie. Also heiratet er. Doch es zieht ihn immer wieder zu Männern hin, die Ehe scheitert, die Beziehung zu seinem Kind geht kaputt, und er quält sich mit seinen Neigungen und zweifelt immer mehr an sich. Dazu kommen materielle Probleme: Einmal als Schwuler geoutet, war man Job und Wohnung los. Und konnte am besten auch gleich die Stadt wechseln, weil man von seiner Umwelt als eine Art ansteckende Krankheit gesehen wurde. Eine stark erzählte Geschichte.

Der Franzose Yslaire hat mit „Mademoiselle Baudelaire“ (Splitter Verlag, 160 Seiten, 39,80 Euro) eine Graphic Novel vom Feinsten vorgelegt. Er lässt das Leben des Dichters von dessen Muse Jeanne Duval erzählen – einer farbigen Schönheit, die er in seinen „Blumen des Bösen“ immer wieder besungen hat. Baudelaire war verrückt nach ihr, und obwohl er sie gelegentlich auch verdammte, kam er nicht von ihr los. Was Yslaire, der schon in seiner „Sambre“-Reihe ein traumhaftes Bild des 19. Jahrhunderts in Frankreich skizziert hat, daraus macht, ist genial. Da stimmt einfach alles: das Szenario (klar strukturiert und super erzählt), die Bilder (eine wunderschöne 19. Jahrhundert-Atmosphäre), die Kolorierung (pure Streicheleinheiten für die Augen). Natürlich trifft man auch befreundete Dichter und Maler aus der Zeit. Dazu kommen eingestreute einzel- und doppelseitige Bildkompositionen, von denen man sich jede zweite als Poster an die Wand hängen könnte. Rundum genial.

Sexueller Missbrauch ist ein schlimmes Thema, dem sich Glenn Head in seinem autobiografischen Album „Chartwell Manor“ (Carlsen Verlag, 248 Seiten, 26 Euro) nähert. Er berichtet über sein Leben in einem Jungen-Internat in den USA. Komplett in Schwarz-weiß und im Stil der U-Comix der sechziger Jahre gezeichnet, wirkt es ebenso quirlig wie düster. Thema ist der kontinuierliche Missbrauch von Sieben- und Achtklässlern durch den autoritären Leiter der Erziehungsanstalt. Prügelstrafen waren da eher noch die harmloseren Dinge. Richtig übel wurde es, wenn der selbstherrliche Pädagoge sich nachts zu einem Schüler ins Bett legte, um Geschichten zu erzählen. Man mag als Außenstehender gar nicht glauben, dass die Heranwachsenden sich das alles so einfach gefallen ließen, was er trieb. Doch die Scham und die Angst verursachten Sprachlosigkeit und regelrechte Sprechblockaden, wenn die Kinder die Gelegenheit gehabt hätten, darüber zu reden. Ein ebenso informatives wie verstörendes Album.