Fotoausstellungspremiere im Gemeindezentrum der Gießener...

Hautnah an der Abstraktion – fast schon impressionistisch wirkt dieser Fensterladen. Fotos: Schultz

Die aktuelle Attraktion im Gemeindezentrum der Kirche St. Thomas Morus besteht in einer Ausstellung mit Fotografien des Kasselers Michael Ramm. Der Titel „Kontraste“...

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GIESSEN. GIESSEN. Ganz neu ist die Präsentation einer Fotoausstellung im Gemeindezentrum der Kirche St. Thomas Morus. Die aktuelle Attraktion besteht in einer Ausstellung mit Fotografien des Kasselers Michael Ramm. Der Titel „Kontraste“ verspricht nicht zuviel, Ramms Arbeiten sind teilweise sogar höchst gegensätzlich, vor allem weisen sie ein beachtliches expressives und handwerkliches Niveau auf. Zudem muss man sie in nicht beengter Umgebung betrachten, es gibt mehr als genug Platz; ein großer Vorteil für den Betrachter.

Hautnah an der Abstraktion – fast schon impressionistisch wirkt dieser Fensterladen. Fotos: Schultz
Bei Michael Ramm tritt die Realität hinter die Komposition zurück.

„Ausstellungen standen schon eine Weile auf unserer Agenda“, sagte Organisator Jakob Christoph Handrack, „einfach weil es unsere Räume anbieten. Vereinzelt fanden bereits Ausstellungen statt. Der Kontakt zu Michael Ramm ergab sich bei einer Fotoausstellung in der Galerie im Hardthof, an der er beteiligt war. „Den Begriff und die Reihe Kulturkirche gibt es etwa seit 2018“, schloss Handrack, „angefangen hat alles mit dem kleinen Format der Orgelvesper“.

Die Eröffnung ging unpompös vor sich. Jakob Handrack, Organist und Vorsitzender des Fördervereins, begrüßte die Gäste und den Fotografen und stellte zugleich die neue Kulturschiene des Vereins vor, solche Kunstausstellungen gab es bisher noch nicht. Jetzt also eine mit etwa fünfzig Arbeiten Michael Ramms, Jahrgang 1951, in Kassel geboren und aufgewachsen. Er machte Abitur an der Kasseler Herderschule, danach Zivildienst und studierte Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität, machte die Facharztausbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten am Uni-Klinikum sowie am Psychoanalytischen Institut in Gießen. Von 1991 bis 2019 arbeitete er in Kassel als niedergelassener Psychiater und Facharzt für psychotherapeutische Medizin in eigener Praxis.

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Seit dem 14. Lebensjahr fotografiert er. „Genauer beschäftige ich mich damit aber seit acht bis zehn Jahren. Prägend war schon in der Schule im Leistungskurs Kunst, dass ich den Surrealismus entdeckte. Eine ganze Weile hab ich gemalt, ich hab dann später die Fotografie entdeckt, der hab ich mich dann zugewandt. Die Wurzel war im Grunde der Surrrealismus“, sagt Ramm. Und: „Ich hab in der Ausstellung versucht darzustellen, was mir am meisten Spaß macht. Als Psychiater bin ich immer daran interessiert, was hinter den Dingen steckt. Die Oberfläche ist erst mal unauffällig, überschaubar. Wenn ich die Bilder bearbeite, erscheinen plötzlich Farben und Formen, die man vorher so noch gar nicht wahrnahm. Ich würde mir wünschen, dass meine Bilder bestimmte Gefühle oder Gedanken auslösen, dass sie den Betrachter ansprechen.“

Die kleinen und mittelformatigen Fotografien, überwiegend in Farbe, zeigen ein reiches Spektrum an Motiven. Dabei fällt eine energiereiche Verbindung von Gegenständlichkeit und abstrakten Elementen auf. Ramm hat sich hier von der traditionellen Fotografie unabhängig gemacht und zeigt meist mehrere Motive, die er gestalterisch geschickt zu einer Gesamtkomposition zusammenfügt. Dabei wird am Rechner ineinander geschmiegt, was anscheinend so gar nichts miteinander zu tun hat. Ramm verschmilzt etwa die Ansicht einer Hauswand mit offenen Ziegeln mit dem Gesicht einer Frau, wobei sich die Struktur der Wand durch das Gesicht der Figur fortsetzt. Bei näherer Betrachtung wirkt das Gesicht auch gar nicht mehr künstlich, sondern weist naturalistische Aspekte auf – das Spannungsfeld zwischen Konkretion und Abstraktion.

Ein wichtiger inhaltlicher Aspekt für Ramm sind Industrieanlagen, in Duisburg fotografiert, sowie technische Objekte, zum Beispiel ein Schiffspropeller – oder auch Landschaftsmotive.

Stets aber verfremdet er die Bestandteile, fügt sie so zusammen, dass ursprüngliche Inhalte oder Zusammenhänge sich zuweilen komplett verflüchtigen. Dann wird sichtbar, worauf es ankommt, eine häufig konkret malerische Komposition, in der die gegenständlichen Elemente gleichsam restlos aufgehen und durchaus unfotografische Verfahren zur Anwendung kommen. Im Bild eines Fensterladens zum Beispiel geht es nicht um die Abbildung einer stimmungsvoll verrottenden Holzarbeit, was vielleicht ja durchaus attraktiv wäre. Ramm verfremdet sein Motiv in eine hoch kontrastreiche Komposition von Formen und Farbflächen, wiederum hautnah an der Abstraktion, fast schon impressionistisch. Auch beim Foto einer alten Türklinke mit einem modernen Sicherheitsschloss bewirken Bearbeitung und Komposition, dass die Realität, fast scheint es freiwillig, hinter der Komposition zurücktritt. Die Industrieanlagen erlangen in seinen Bildern dann geradezu eine Körperlichkeit, die an den „Alien“-Designer Giger erinnert. Ramm lichtet durchaus auch mal fast normale Szenen ab, aber es sind immer Struktur und Farbe, um die es geht. Michael Ramms Bilder besitzen eine große Kraft und gestalterische Fülle – der Betrachter verlässt die Schau sehr angeregt.

Noch bis Anfang September, sonntags von 14.30 bis 16 Uhr im Gemeindezentrum St. Thomas Morus in der Grünberger Straße 80.