Erschwertes Verstehen

Sebastian Songin bringt dem Publikum als Erzähler die Kriegsgeschehnisse und das Leben im Flüchtlingslager nahe.  Foto: Daniel Regel

Die Kammeroper "Krieg. Stell dir vor, er wäre hier" wird bei ihrer Premiere im taT in Gießen freundlich aufgenommen.

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GIESSEN. "Du hast Angst - morgens, mittags, abends", sagt der Erzähler mit festem Blick ins Publikum, als spreche er einzelne Zuschauer persönlich an. Er berichtet vom Krieg, denn irgendwo auf der Welt ist immer Krieg. Aber diesmal ist das Bombardieren, Brandschatzen, Morden und Sterben nicht weit weg, sondern findet bei uns statt, direkt vor unserer Haustür. Apropos Haustür - die gibt es gar nicht mehr. Wie viele andere Häuser in der Stadt ist nämlich auch unser Zuhause nur noch ein Trümmerhaufen.

Dieses düstere Szenario entwirft die dänische Autorin Janne Teller in einem aufrüttelnden Jugendroman, in dem es darum geht, dass eine Familie ihr kriegszerstörtes Land verlassen muss, um in einem fremden Land zu überleben. In ihrer Geschichte sind die sattsam bekannten Verhältnisse auf den Kopf gestellt: Hier kommen die Flüchtlinge nicht aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak zu uns, sondern wir, die Deutschen, sind selbst Flüchtlinge, die im sicheren Ägypten Asyl suchen.

In der daraus entstandenen Kammeroper "Krieg. Stell dir vor, er wäre hier" möchte das Gießener Stadttheater vor allem das junge Publikum ab 14 Jahren ansprechen. Als das Werk des Berliner Komponisten Marius Felix Lange in der Inszenierung von Hans Walter Richter am Freitagabend im taT Premiere hatte, dankte das durchweg dem jugendlichen Alter entwachsene Publikum nach 70-minütiger Aufführung mit freundlichem Applaus. Ob aber die Produktion junge Menschen wirklich erreicht, wird sich bei den nächsten Aufführungen in den kommenden Tagen und Wochen erweisen.

Da Menschen auf der Flucht oft nur aus Koffern leben, hat Bernhard Niechotz ein ebenso eindrückliches wie sinnfälliges Bühnenbild geschaffen: Die enge Welt der Flüchtlinge ist von Mauern begrenzt, und diese Mauern bestehen aus vielen grauen, übereinandergestapelten Koffern. Zu Beginn stehen sie für die geborstenen Wände des zerstörten Hauses, hinter denen Rauch aufsteigt und Feuerschein zu sehen sind, später markieren sie die Ummauerung des Flüchtlingslagers.

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Vor, auf und hinter der Mauer erstreckt sich das Spielfeld des umtriebigen Erzählers Sebastian Songin, der in eindringlicher Schilderung vom Schicksal der Flüchtlingsfamilie aus Deutschland berichtet. Immer wieder lässt er die Angst und Ungewissheit der Menschen deutlich werden, die nichts mehr haben und plötzlich nichts mehr sind, die die fremde Sprache und Gebräuche des Gastlandes nicht verstehen und bei alledem die Hoffnung nicht aufgeben, irgendwann einmal wieder in ihr eigentliches, ihr richtiges Leben zurückkehren zu können. Songin trifft genau den richtigen Ton, um einem jungen Publikum das Geschehen nahezubringen.

Einen harten Kontrast dazu bilden jedoch die von Naroa Intxausti (Sopran) und Viktor Rud (Bariton) vorgetragenen Lieder, die in ihrer betonten Künstlichkeit den Zugang zum Werk erschweren. Vieles darin bleibt nebulös und versperrt eher das Verstehen, als dass es welches fördert. Es handelt sich um vertonte poetische Assoziationen der Dichterin Nora Gomringer, in denen die Erinnerungen an die verlassene Heimat aufleben und seelische Befindlichkeiten reflektiert werden. Den beiden Gesangsdarstellern verlangen die zum Teil immens schwierigen Stücke eine ganze Menge ab, doch beide lösen die Anforderungen ihrer Partie mit überaus beweglichem Stimmeinsatz und gesanglicher Ausdruckskraft.

Fraglich ist auch, ob die Musik, die jede Eingängigkeit verweigert, den richtigen Ton für Theaterneulinge anschlägt. Unter der Leitung von Herbert Gietzen gibt ein Streichquartett - Delia Ramos Rodriguez (1. Violine), Mishi Stern/ Veronika Paleeva (2. Violine), Nefeli Galani (Viola), Aleksander Zhibaj (Violoncello) - den feinnervigen, an Raffinessen und Dissonanzen reichen Klängen versiert Ausdruck. Mal tönt es emotional, meist jedoch schroff, beunruhigend und verstörend. In Langes Komposition verbinden sich expressive Elemente der zeitgenössischen westlichen Musik mit arabischen Einsprengseln. So ist an der Stelle, als die Familie Deutschland verlässt, um nach Ägypten zu ziehen, Joseph Haydns Melodie des Deutschlandliedes in einem orientalischen Gewand zu vernehmen. Ob das durch Rap konditionierte Ohren noch hören?

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Weitere Aufführungen am 9., 22. und 23. Oktober sowie 18. und 19. November jeweils um 20 Uhr im taT.

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Von Thomas Schmitz-Albohn