Dieburger Media-Studenten zeigen ihre Arbeiten im Netz

Ansichten aus "Andorra": Friederike Ott als Barblin und Sebastian Kuschmann als Lehrer im neunteiligen Video "Ich gebe zu" nach Max Frisch. Foto: Joschua Keßler

Statt im Museum Schloss-Fechenbach nun in einer virtuellen Galerie: Die Schau "Erinnerungen an Morgen" versammelt 15 digitale Exponate.

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DIEBURG. Wer sich die Ausstellung "Erinnerungen an Morgen" anschaut, muss keinen Mundschutz anziehen. Und die Exponate müssen auch nicht desinfiziert werden, bevor sich der nächste Besucher mit ihnen beschäftigt. Nach sechs Präsentationen im Dieburger Museum Schloss Fechenbach ist die siebte Jahresschau vom Media-Campus der Hochschule Darmstadt nun in einer Online-Ausgabe zu erleben.

Rund fünfzig Studenten haben die 15 digitalen Exponate seit Anfang April vorbereitet, ohne dass es dazu physischer Kontakte bedurfte. "Wir haben kein Präsenzsemester", sagt Medienkultur-Professorin Sabine Breitsameter. "Wir haben uns keine Stunde auf dem Campus getroffen, alle Veranstaltungen liefen über Zoom." Entsprechend spielt sich auch die Pressekonferenz am Dienstagmittag als Videokonferenz ab. Da ist an Interaktion schon einiges möglich. Und so soll es auch auf der Ausstellungsseite werden. "Das ist ja kein Online-Möbelkatalog, durch den man durchblättern kann", sagt Ko-Kurator Klaus Schüller. "Wir wollen ins Gespräch kommen mit Besuchern." Ein Klick - und man ist im "Community Space" der virtuellen Galerie, kann Beiträge posten und Fragen stellen.

Betrachtung der Vergangenheit

Der Titel der Schau, die ursprünglich noch fürs Museum konzipiert war, bezieht sich darauf, wie sich die Betrachtung der Vergangenheit in der Gegenwart auch durch die Verfügbarkeit digitaler Medien wandelt. Das 360-Grad-Video "Dieburg's Memory Map" ist dafür ein gelungenes Beispiel: Man klickt auf einer Stadtkarte Orte wie den Park, das Schloss Fechenbach oder den Campus an, manövriert auf einer Ansicht des jeweiligen Geländes herum und hört dazu Stimmen von Menschen, die sich an Ereignisse an den jeweiligen Orten erinnern. Das macht diese Landkarte der Erinnerungen auch zu einer sozialen Skulptur aus Bits und Bytes.

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Joschua Keßler, Gewinner des Hessischen Studentenfilmpreises 2019, hat Max Frischs bald sechzig Jahre alte Antisemitismus-Parabel "Andorra" einer Neubetrachtung unterzogen. Mit Akteuren vom Schauspiel Frankfurt hat er unter dem Titel "I admit - Ich gebe zu" neun Szenen herausgegriffen, durch die man sich nach Belieben klicken kann. Beim Wiedersehen mit dem Klassiker hat Keßler gestaunt: "In seiner Thematik und der Erzählweise ist das wahnsinnig heutig."

Neben Video- und Audio-Arbeiten, die es nur im Netz gibt, stehen zwei Produktionen als "Brücke zur Realität", wie Klaus Schüller sagt. Entlang des Herrenwegs im Dieburger Forst konfrontieren den Spaziergänger acht Hörstationen, die Umweltlaute aus dem Hintergrundrauschen des Lebens herausschälen. Zu diesen Hörenswürdigkeiten zählt etwa das "Knistern einer alten Eiche". Was da mit Kontaktmikros an Oberflächen aufgenommen wurde, klingt knurspelnd und knirschend nach Funkbotschaften aus einem Alien-Ameisenhügel auf dem Mars.

Das Triptychon "It might be" am Schloss Fechenbach wiederum spricht direkt zum Betrachter und soll darauf aufmerksam machen, wie wir von unseren Smartphones manipuliert werden: "Hey, ich bin hier", sagt eine Stimme aus dem Off. "Ich zieh dich hinein, nur mal kurz, denkst du..." Und ewig locken die Medien. Hier allerdings verführen sie zur kritischen Selbstreflexion.