Buchmesse wirbt für Menschenrechte

Letzte Vorbereitungen finden auf der Agora des Frankfurter Messegeländes im neuen „Frankfurt Pavilion“ statt. Foto: dpa

Die Frankfurter Buchmesse (10. bis 14. Oktober) will in diesem Jahr ein klares Zeichen für Meinungsfreiheit setzen – unter anderem mit einem neuen Ort für Debattenkultur.

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FRANKFURT. Von außen sieht er aus wie ein weißes Ufo, das auf der Agora des Messegeländes gelandet ist. Oder eine riesige Seeschnecke. Tatsächlich aber orientiert sich die Form des „Frankfurt Pavilion“, als begehbare Skulptur neues Wahrzeichen der Buchmesse, an etwas Naheliegenderem: dem Bücherregal. Was beim Blick in sein Inneres auch klar zu erkennen ist. Und vor allem von innen sollen ihn die Besucher der weltgrößten Fachmesse der Buchbranche ja erleben: Vom 10. bis 14. Oktober soll er, zusammen mit dem Weltempfang in Halle 4.1, ein Zentrum der Debattenkultur werden. Und so verdeutlichen, welch klar politischen Schwerpunkt sich die Messe gegeben hat.

Letzte Vorbereitungen finden auf der Agora des Frankfurter Messegeländes im neuen „Frankfurt Pavilion“ statt. Foto: dpa
Der „Hub of Emotions“ im Pavillon des Gastlandes Georgien, den der Designer George Bokhua gestaltet hat. Foto: dpa

Schon immer sei die Buchmesse, an der diesmal 7500 Aussteller aus 110 Ländern teilnehmen, ein Ort der Freiheit und des Dialogs gewesen, sagte Direktor Juergen Boos am Dienstag vor der Eröffnung. „Wer diese Bühne jedoch missbraucht, dem widersprechen wir sofort und vehement“, so Boos weiter. Im vergangenen Jahr war es am Stand des rechten Antaios-Verlags zu Ausschreitungen gekommen. Einen ähnlichen Eklat will die Messe durch ein neues Sicherheitskonzept verhindern. Der Antaios-Verlag ist diesmal nicht vertreten. AfD-Politiker Björn Höcke, dessen Auftritt 2017 ein weiterer Grund für die Tumulte war, wird nach Angaben der Manuscriptum-Verlagsbuchhandlung jedoch Freitag zur Vorstellung eines dort erschienenen Buchs erwartet.

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Aber nicht nur das neue Sicherheitskonzept ist eine Reaktion auf die Vorfälle im vergangenen Jahr. Auch der Fokus, den die 70. Buchmesse auf Meinungsfreiheit legt, dürfte als Antwort darauf sowie auf eine generell zugespitzte Weltlage zu verstehen sein. „On the same Page“ heißt eine Kampagne, die die Messe mit Arte, ZDF und Spiegel ins Leben gerufen hat. Sie lenkt den Blick darauf, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 2018 ebenfalls 70 Jahre alt wird. Nicht, um das zu feiern, wie Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, betont. „Sondern um deutlich zu machen, dass wir alle dafür eintreten müssen, dass sie Geltung haben und auch in Zukunft bestehen“. Buchhandlungen und Verlage sähen sich in der Verantwortung, aber auch die ganze Zivilgesellschaft müsse sich für Menschenrechte starkmachen. Mit Nachdruck forderte Riethmüller die Freilassung aller Autoren, Journalisten und anderer politisch Inhaftierter in der Türkei und weltweit. Am Freitag wird Deniz Yücel zum Gespräch im „Frankfurt Pavilion“ erwartet.

Wandeln zwischen 33 hölzernen Buchstaben

Ein Bekenntnis zu politischem Engagement gab auch die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie („Blauer Hibiskus“, „Americanah“), die als Gastrednerin zur Eröffnungs-Konferenz geladen war, und für mehrere Schwerpunkte Patin stand: Zum einen als prominente Streiterin gegen Rassismus und Sexismus, zum anderen für die neue Bühne „Lettre d‘Afrique“ in Halle 5.1, bei der sich afrikanische Verlage aus 19 Ländern präsentieren. Es gebe heute für Autorinnen und Autoren keinen Spielraum für Selbstzufriedenheit mehr, so Adichie. „Wir müssen wissen, was wahr ist, und eine Lüge Lüge nennen“, sagte sie – und forderte zugleich ein Erzählen, das sich nicht auf einzelne Aspekte beschränkt, sondern die Welt in ihrer Komplexität erfasst.

Als Oase der Ruhe im Messetreiben könnte sich der Pavillon des Gastlands Georgien erweisen. Er rückt das georgische Alphabet in den Mittelpunkt, das seit 2016 als Unesco-Welterbe gilt. Seine 33 geschwungenen Buchstaben stehen als warme Regal-Skulpturen im Raum. Sie informieren über Autoren wie Aka Morchiladze, der so wie mehr als 70 weitere georgische Schriftsteller zur Messe erwartet wird, aber auch Themen der georgischen Kulturgeschichte wie die Erfindung des Weinbaus oder die Argonautensage um Jason und Medea. Zum Verweilen lädt vor allem die Klanginstallation „Hub of Emotions“ ein, die das Alphabet (in verfremdeten Sprachaufnahmen) zusammen mit 1000 Alltagsklängen aus Georgien zu einer sphärischen Musik werden lässt. Aber auch die Ecke mit Büchern zu Georgien, die spiralförmige Stoffbahnen wie das ruhige Zentrum eines Sturms wirken lassen.

Von Johanna Dupré