Auf Sinnsuche zwischen Berlin und Moldawien

Schriftstellerin Marina Frenk (rechts) im Gespräch mit LZG-Moderatorin Christina Hohenemser. Foto: Gauges

Eine Künstlerin mit vielen Talenten: Marina Frenk stellte ihren Debütroman "Ewig her und gar nicht wahr" beim Literarischen Zentrum Gießen vor.

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. giessen. Ein spannendes literarisches Phänomen sind die neuen, aus dem postsowjetischen Raum stammenden Erzählerstimmen, die einen ganz eigenen Blick auf das Leben in Deutschland werfen. Gemeinsam haben sie, in jungen Jahren emigriert zu sein und ihre in zwei Gesellschaften gesammelten Erfahrungen in Büchern und Magazinen zu verarbeiten. Nun ist eine weitere solche Stimme hinzugekommen: Marina Frenk. Ihren in diesem Jahr erschienenen Debütroman "Ewig her und gar nicht wahr" stellte die 1986 in Moldawien geborene Schriftstellerin jetzt auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) im KiZ (Kongresshalle) vor.

Motive ihrer eigenen Herkunft und Biografie werden darin mit einer Familiengeschichte verknüpft, die bis in die Wirren des Zweiten Weltkriegs zurückreicht. Zentrale Figur ist die in Berlin lebende, aus Moldawien stammende Malerin Kira. "Es ist eine Frau, die alles reflektiert und hinterfragt", erzählt die Autorin. "Vor allem sich selbst." Dieses Gefühl der Verlorenheit skizziert Marina Frenk bereits im ersten von ihr vorgetragenen Kapitel, in dem Kira als fünfjähriges Mädchen bei einem Urlaub am Schwarzen Meer am überfüllten Strand nicht mehr zurück zum Platz der Eltern findet. Dabei stellt sie fest: "Verloren gehen fühlt sich einsam an - aber auch interessant." Es ist ein Gefühl, das sich durch das gesamte Leben der Hauptfigur zieht, bis sie schließlich als Mittdreißigerin in ihrer Berliner Wohnung sitzt und bemerkt, dass die Beziehung zu ihrem Freund Marc erkaltet ist. Um den eigenen Weg, die eigenen Wurzeln zu ergründen, macht sie sich auf die Spuren ihrer Vorfahren und fährt nach New York, Israel und Moldawien. Gleichzeitig werden diese Reisen zur Fluchtbewegung und damit zum literarischen Motiv für eine Frau, die "sich nirgends richtig einordnen kann", wie die Autorin beschreibt.

Marina Frenk selbst will sich aber nicht allein auf ihre moldawische Herkunft reduzieren lassen. "Es ist kompliziert", erzählt sie im Gespräch mit LZG-Moderatorin Christina Hohenemser. Schließlich entstammt sie einer russisch-jüdischen Familie, die durch die Zeitläufte in das kleine Land verschlagen wurde, das kulturell eng mit Rumänien verbunden ist, das wiederum im Zweiten Weltkrieg an der Seite Nazi-Deutschlands gekämpft hat. Eine politische, kulturelle und gesellschaftliche Grenzregion also, aus der ihre Familie nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland kam. In ihrem Buch sammelt Marina Frenk die eigenen Erfahrungen, um ihre Hauptfigur "auf eine große Sinnsuche" zu schicken. "Doch was sie wirklich sucht, ist vielleicht gar nicht zu finden", erklärt die Autorin.

Sie selbst hat im Gegensatz zur Malerin Kira bereits eine erfolgreiche Künstlerkarriere vorzuweisen: als Schauspielerin. Marina Frenk stand bereits auf so renommierten Bühnen wie der des Bochumer Schauspielhauses oder des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Und auch als Musikerin trat sie mit spannenden Bandprojekten in Erscheinung. Nun ist also der erste Roman hinzugekommen. "Die Geschichte hat lange in mir gegärt. Ich bin gespannt, ob ich auch einen zweiten Roman schreiben kann", berichtet sie. Hoffen dürfen die Leser darauf. Zwar hat sie bei der Ideensuche bereits einiges verworfen. "Aber heute hatte ich so ein Gefühl. Ich glaube, das wird es."

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Von Björn Gauges