Als „Artist in Residence“ mit Ausgangsbeschränkung in Darmstadt

Valerie Wolf Gang ist derzeit „Artist in Residence“ der Darmstädter Fototage. Das Bild zeigt die gesundheitsbewusste Slowenin beim Bio-Einkauf: Der Mundschutz gehört in diese Tage dazu, essbare Insekten sind jedoch weiter die Ausnahme. Foto: Valerie Wolf Gang

Valerie Wolf Gang ist als Stipendiatin der Fototage und hatte sich viel vorgenommen für diese Zeit. Wegen Corona disponiert sie jetzt ein wenig um, aber analog fotografieren...

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DARMSTADT. Geplant war natürlich vieles anders, als Valerie Wolf Gang Anfang Februar nach Darmstadt kam: Bei einem Wettbewerb hatte die Jury die Experimentalfotografin und -filmerin als erste „Artist-in-Residence“-Stipendiatin der Darmstädter Tage für Fotografie und des Vereins „Kultur einer Digitalstadt“ gewählt. Nun wollte sie sich drei Monate lang von ihrem dafür bereitgestellten Wohnsitz in einem Atelierhaus auf der Rosenhöhe aus einem Projekt widmen, das zu einer der Ausstellungen der Darmstädter Fototage werden sollte.

Nun ist nicht nur das Foto-Festival bis auf Weiteres abgesagt. Wolf Gangs Thema für Bilder, Video und eine Installation waren Darmstadt und seine Wissenschaftsinstitute, wie die 1990 geborene Slowenin dem ECHO damals sagte. Aber Corona hat auch diese Pläne durchkreuzt. „Ich hatte eine Menge von Treffen mit Einheimischen, aus der Industrie oder Organisationen wie der ESOC geplant: mit Menschen, die auf verschiedenen wissenschaftlichen Feldern arbeiten. Und zur Vorbereitung darauf ging es schon jeden Tag in die Bibliothek“, sagt die Künstlerin.

Dann kamen Anfang März die ersten Nachrichten über Ausgangssperren in Italien – und dass eine Quarantäneverordnung auch ihr angrenzendes Heimatland Slowenien treffen könne. „Als ich hier in Darmstadt damals darüber mit einigen Leuten gesprochen habe, meinten sie noch, das könne in Deutschland nicht passieren“, erinnert die immer international tätige Künstlerin sich. Doch jetzt hat sich ihre Welt an sehr wichtigen Punkten verändert: „Es ist schwierig, von der Familie und den Freunden getrennt zu sein. Ich rufe sie alle fast jeden Tag an, denn es ist wichtig für mich, ihre Stimmen zu hören.“ Den Kontakt mit internationalen Kollegen hält sie in Texten, Bildern und Filmen via Instagram oder Facebook; auch ihr Seminar über „Experimentelle Form“ an der Kunstakademie im slowenischen in Nova Gorica läuft statt bei den vorhergesehenen Aufenthalten dort nun virtuell weiter: „Aber das ist natürlich nicht dasselbe.“

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Kann auch das Darmstädter Projekt fortlaufen? „Es hat sich ein bisschen geändert. Der Fokus liegt nun auf dem Schreiben eines Buchs und der Gestaltung eines Katalogs mit viel Bildmaterial. Außerdem schreibe ich wieder Lyrik, wozu ich in den vergangenen Jahren oft keine Zeit gefunden habe. Und dann natürlich: täglich analog fotografieren!“ Denn auch da ist eine alte Liebe wiedererwacht. Noch kurz vor der Pandemie hatte Lukas Einsele, der ihre Arbeit in Darmstadt kuratiert, der Künstlerin sein Equipment mit zwei Medium-Format-Kameras ausgeliehen, und es gelang Valerie Wolf Gang, sich auch in der Krise online dafür viele Filme zu erwerben.

Jetzt sieht sie in der Natur ihre „Muse“, lässt sich bei der Arbeit aber vor allem von der aktuellen Situation sozialer Distanz anregen, der sie eigene Erfahrungswerte im Umgang mit dem Körper, dem Raum und der Identität gegenüberstellt. Dabei wird Corona sogar zu einer Art von perfektem Szenarium für die begonnene Darmstädter Arbeit, wie sie sagt. Das Projekt von Fotocollagen, mit dem sie den Wettbewerb gewonnen hat, hatte mit Erfahrungen nach einem großen Gewichtsverlust zu tun. Sie hatte schlanker werden wollen, wurde es – und erlebte sich wie eine Astronautin, die zum ersten Mal auf die Erde blickt. Für Valerie Wolf Gang ist das „eine Erfahrung, die wir gerade alle machen. Wir fühlen uns doch alle wie Astronauten, die einen seltsamen neuen Planeten erforschen und dabei auf unseren Schutz achten müssen.“ Und das wird eingehen in die Darmstädter Arbeiten, die laut Ankündigung nun später gezeigt werden sollen.

Die Künstlerin mag Darmstadt und findet es schade, dass sie nun beispielsweise die Cafés nicht so kennenlernen kann, wie sie es sich gewünscht hat. Doch abseits der fehlenden sozialen Kontakte kann sie ihren gegliederten, kreativen wie sportlichen Tagesablauf im Großen und Ganzen beibehalten. Nach dem frühen Aufstehen um fünf Uhr geht es zum Joggen oder ein paar Kilometern auf den frisch gekauften Rollschuhen hinaus ins Freie – wobei sie nun allerdings die Innenstadt meidet. Nach dem Frühstück wird im kleinen Studio neben der Wohnung bis zum Mittagsessen am Computer gearbeitet. Nachmittags ist tätige Improvisation angesagt, wenn Valerie Wolf Gang mit der Kamera unterwegs ist, liest oder ihr Projekt weiter vorbereitet.

Es sind Routinen, die Motivation erhalten. Doch dazu kommen „crazy things“, wie die Künstlerin es nennt. Um ihr positives Lebensgefühl zu erhalten, hat Valerie Wolf Gang sich beispielsweise gerade bei einem Online-Kurs fürs Auf-Händen-Gehen angemeldet. Ihre Devise dabei: „Wir müssen einfach geduldig sein. Unsere Großeltern mussten einen Weltkrieg überstehen, und die heutige Situation ist nicht so hart wie ein Krieg.“

Von Annette Krämer-Alig