DVD-Tipp: "Regeln am Band" und "Streuner"

Eine Schultheater-AG probt für Bertolt Brechts Drama "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe". Szene aus dem Dokumentarfilm "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit". Foto: JIP Film

Die Dokumentarfilme zeigen den Alltag von Leiharbeitern in einer Fleischfabrik und Straßenhunden in Instanbul. Sie kommen ohne gesprochene Kommentare aus.

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DARMSTADT. Als in der Belegschaft des Fleischfabrikanten Tönnies das Coronavirus wütete, kamen die Themen Leiharbeit und Arbeitsmigration auf den Tisch. Der Diplomfilm der Münchner Hochschul-Absolventin Yulia Lokshina "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" (375 Media, auch als VoD) über den Alltag südosteuropäischer Arbeitskräfte in der Fleischindustrie ist bereits vorher gedreht worden und wirkt daher auf apokalyptische Weise visionär. Beim Max-Ophüls-Festival wurde er 2020 als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet und erhielt den Preis der Deutschen Filmkritik.

Die aus Litauen, Polen, Bulgarien und Rumänien stammenden Angestellten eines Subunternehmens verdienen schlecht, obwohl sie pro Schicht 20 Tonnen Fleisch verarbeiten müssen. Sie wohnen in schäbigen Unterkünften oder auf Campingplätzen, bekommen Überstunden nicht bezahlt und keine Nachtzuschläge. Zum Sprachunterricht können sie meistens nicht gehen, weil sie oft zusätzliche Schichten übernehmen. Ein Litauer spricht von seinesgleichen als "weiße Nigger". Eine Frau legt aus lauter Verzweiflung ihr Neugeborenes in einer Hecke ab.

Eine Parallel-Handlung zeigt eine Theater-AG eines Gymnasiums beim Vorbereiten von Bertolt Brechts Bühnendrama "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe", das sich mit der Ausbeutung von Arbeitern beschäftigt. Die Gespräche des engagierten Lehrers mit den Schülern sind ernüchternd, weil die Jugendlichen keine Bezüge zu ihrer Lebenswirklichkeit erkennen und mehrheitlich desinteressiert sind.

Weil der Film nichts bewertet, sondern alle Szenen unkommentiert präsentiert, müssen die Zuschauer ihre eigenen Schlüsse ziehen und werden so zum Nachdenken über Kapitalismus, Konsum und Verantwortung gezwungen.

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Bei "Streuner" (Ascot Elite, auch als VoD), dem Langfilm-Debüt von Elisabeth Lo über Straßenhunde in Instanbul, wirken die Bilder noch stärker. Denn einerseits gibt es hier nicht einmal Interviews, sondern höchstens Sprachfetzen und Gespräche von Menschen, die sich in der Nähe aufhalten. Und andererseits ist die Kamera oft so nah an den Tieren dran - vor allem auch auf Augenhöhe -, dass man als Zuschauer deren Perspektive einnimmt.

Straßenhunde sind in der Türkei nach Protesten gegen das Einschläfern inzwischen gesetzlich geschützt und führen nun ein unabhängiges Leben. Dies zu dokumentieren gelang mithilfe von GPS-Halsbändern, die den Vierbeinern am Ende jedes Drehtags angelegt wurden und wodurch sie jederzeit wiedergefunden werden konnten. In dem zwischen 2017 und 2019 gedrehten Film bestimmen die Hunde das Geschehen, und die Kamera folgt ihnen einfach. Das Ganze ist eine Art Gegenstück zu "Kedi" (2016), in dem es um Istanbuler Straßenkatzen ging.

Im Mittelpunkt stehen die Hündinnen Zeytin und Nazar sowie der Welpe Kartal, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Sie lassen sich zwar von Menschen kraulen, bleiben aber stets autonom. Auf ihren Streifzügen durch die Stadt treffen sie andere Hunde, schließen sich einem Rudel an, übernachten mit obdachlosen Flüchtlingskindern in einem Abriss-Haus, bekommen von Bauarbeitern in Container-Unterkünften abends regelmäßig etwas gekocht und hetzen Katzen auf Bäume oder verscheuchen Möwen.

Der Film vermittelt ein starkes Gefühl von Freiheit, eingeblendete Schrifttafeln mit Hunde-Zitaten von antiken Philosophen unterstreichen die besondere Atmosphäre. Und dabei entsteht ganz wie von selbst auch ein Porträt der türkischen Metropole und ihrer Bewohner. Am schönsten - geradezu poetisch - ist die Schluss-Sequenz, wenn ein Hund beim Morgengebet minutenlang in den Gesang des Muezzins miteinstimmt.