Langsames Schleifen gegen die Alltagshektik

Künstlergespräch zur Ausstellung: Marie Luise Gruhne und Matthias Müller im MVB-Forum. Foto: hbz/Kristina Schäfer

Marie Luise Gruhne wirbt mit ihren zarten Objekten für mehr Entschleunigung. Im Mainzer MVB-Forum stellt die Künstlerin derzeit ihre Werke aus und lädt zum Gedankenaustausch.

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MAINZ. Steht man vor den Objekten von Marie Luise Gruhne und lässt sich darauf ein, dann passiert das, was Kunst wirklich kann: Sie entschleunigt den Menschen. Gruhne zeigt zur Zeit ihre Kunst in der Mainzer Volksbank (MVB) am Neubrunnenplatz unter dem Titel „Verlangsamung“. Zur Halbzeit ihrer Schau hat sie Kunstinteressierte eingeladen, sich auf ein Künstlergespräch zwischen Gruhne und dem Mainzer Kunsthistoriker und Universitätsprofessor Matthias Müller einzulassen.

Künstlern fällt es normalerweise schwer, sich über ihre Kunst zu äußern oder sie für die Kunstbetrachtung zu definieren. Marie Luise Gruhne ist aufgrund ihrer Vorgeschichte prädestiniert, über Kunst zusprechen: Die studierte Kunsthistorikerin hat schon während ihrer Studienzeit gefühlt, dass sie aktiv Kunst machen sollte. Gesagt, getan klingt einfach, brauchte aber noch eine Weile, bis sie es umsetzen konnte. Die Objekte in der Volksbank zeigen bei flüchtiger Betrachtung Bilder, als Tor, Tür, Eingang oder Portal aufgebaut, bemalt in zarten Farbtönen oder überzogen mit Federn. Für die Künstlerin handelt es sich um sensiblen Objekte, deren Vorbild das Tempelportal ist. Es ist das ideale Urmodell, das ihre Werke in unterschiedlichen Interpretationen neu definiert.

Matthias Müller fragt, ob es künstlerische Vorbilder für ihre Kunst gäbe. Vorbilder, nein, es gibt Künstler, die sie bewundert, wie Mark Rothko oder Gotthard Graubner. Marie Luise Gruhne erzählt, dass sie oft monatelang an diesen Objekten arbeitet. „Es ist ein Prozess aus Malen, abschleifen, Farbe auftragen und wieder abschleifen, bis mir das Objekt sagt, es sei genug,“ erzählt sie.

Der Begriff „Verlangsamung“, den sie für diese Ausstellung gewählt hat, scheint durch diese Arbeitsweise logisch nachvollziehbar. Die Intensität, mit der sie über ihre Werke spricht, überzeugt die Zuhörer, die leider nur sparsam in die MVB gekommen sind – aber das ist wohl den Wetterkapriolen in und um Mainz geschuldet. Die, die schon die Ausstellung besucht haben, schreiben in das ausliegende Gästebuch: „Es funktioniert. Ich fühle in mir Ruhe, Erhabenheit, Innehalten und Gegenwärtigkeit.“

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Marie Luise Gruhne ist berührt von diesen Einträgen und fühlt sich verstanden. Die „Verlangsamung“ hat die Besucher gegriffen und sie zum Innehalten motiviert. Das bedarf manchmal keinerlei Erläuterungen.