Im Sport zählen nur Leidenschaft und Wille

Die Fotografin Nicole Simon setzt Sportler mit und ohne Handicap in Szene.  Foto:  Simon

Fotografin Nicole Simon und "Anpfiff ins Leben" präsentieren das inklusive Charity-Projekt "The Face of Athletes". Auch Profis wie Patrick Groetzki oder Sebastian Rudy machen mit.

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MANNHEIM. . Rücken an Rücken stehen sie im Scheinwerferlicht, der Blick nach vorne, voller Entschlossenheit. Profifußballerin Nicole Billa und Hobbyläufer Dorian Rittersbacher vereint die grenzenlose Leidenschaft für den Sport. Dass einer der beiden mit einem Bein auf einer Lauffeder steht, macht keinen Unterschied. Die gebürtige Mannheimerin Nicole Simon hat das Duo für ein inklusives Fotoprojekt in Szene gesetzt - "The Face of Athletes" (deutsch: Das Gesicht der Athleten) ist eine Charity-Kampagne für und mit dem Verein "Anpfiff ins Leben".

Die Fotografin Nicole Simon setzt Sportler mit und ohne Handicap in Szene.  Foto:  Simon
Seite an Seite: Nicole Billa, Fußballerin der TSG Hoffenheim, und Dorian Rittersbacher, gebürtiger Heppenheimer und ambitionierter Läufer. Foto: Nicole Simon

"Es ist die Leidenschaft, die einen Sportler definiert. Ob Tausende Fans seinen Namen rufen oder ihn niemand kennt, wie talentiert er ist und woher er kommt - das alles spielt keine Rolle. Nicht einmal, ob er ein oder zwei Beine hat", sagt Simon. In 15 Einzel- und Paarporträts zeigt sie 16 Profi-, Jugend- und Amputiertensportler. Die Bilder sind über die Seite www.faceofathletes.de erhältlich, die Einnahmen kommen "Anpfiff ins Leben" zu Gute.

Rittersbacher erhielt im Sommer 2019 eine Krebsdiagnose. Ein Tumor an seiner rechten Ferse erwies sich nach einer Operation als bösartig. Der Weinheimer sprach mit Onkologen, die wollten den Fuß erhalten. Dazu hätte man allerdings in einer weiteren Operation viel Gewebe entfernen und Haut von der Wade transplantieren müssen. Die Bestrahlung hätte außerdem die Sehnen in Mitleidenschaft ziehen können. "Es konnte mir niemand garantieren, dass ich nach dieser OP je wieder joggen kann", erklärt der 30 Jahre alte Läufer. Er sprach mit Ärzten; Sportorthopäden erklärten ihm, dass er durch eine Amputation seines Unterschenkels schneller wieder fit sein und Sport treiben könne: "Es war eine relativ einfache Entscheidung für mich."

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"Schon ein krasser Schritt, aber für ihn war er sicher richtig", sagt Nicole Billa, Stürmerin beim Bundesligisten TSG Hoffenheim. Dass sie beim Fotoprojekt mitmachen würde, war ihr sofort klar. "Ich habe schon öfter den Amputiertenfußballern beim SAP-Cup zugeschaut, und es hat mich sofort fasziniert, wie sie mit Krücken kicken und was für ein Tempo sie dabei draufkriegen. Wie viel Energie und Leidenschaft sie da reinstecken, ist schon cool", findet die 25-jährige Österreicherin. Auch Rittersbachers Geschichte beeindruckte sie: "Wie er schon kurz nach so einem Schicksalsschlag bereit war, aufzustehen und weiterzumachen, sich neue Ziele setzte und die unbedingt erreichen wollte - das hat mich schon inspiriert."

Tatsächlich stand Rittersbacher schnell nach seiner Amputation wieder auf. Drei Monate später bekam er seine Prothese, einen Monat später stellte ihm "Anpfiff ins Leben" eine Carbon-Lauffeder zur Verfügung, mit der er nach und nach begann, zu trainieren. Seine Motivation war ungebrochen: "Ich hatte mir überlegt, auf die Paralympics hinzuarbeiten. Die Zeiten der Läufer wären vielleicht erreichbar, aber dazu braucht es halt enorm viel Training. Mit Corona ist das derzeit ziemlich schwierig."

Rittersbacher macht momentan eine Stunde pro Tag Sport, Laufen oder Radfahren. Mehr ist neben seinen zwei Kindern und seinem Job bei einer Bank in Zürich nicht drin. Früher machte er täglich zwei oder drei Stunden Sport: Laufen, Klettern, Bergsteigen, oder Triathlon. Für seinen Paralympics-Traum müsste er das Training wieder anziehen. "Aktuell mache ich mir da keinen Druck, aber vorstellen kann ich es mir schon. Und wenn ich mir Ziele setze, bin ich sehr verbissen und ehrgeizig." Der unbändige Wille verbinde ihn auch mit seiner Fotopartnerin Billa.

Ob Nicole Simon Legenden wie Wladimir Klitschko, Lewis Hamilton und Boris Becker oder unbekanntere Sportler mit Handicap fotografiert, macht für sie keinen Unterschied. "Die Entschlossenheit, im Sport und Leben alles zu geben, haben eigentlich alle Sportler gemeinsam. Sie geben niemals auf." Auf die Idee der Kampagne kam Simon durch Gespräche mit einem Freund, der selbst ein Handicap hat, aber dennoch immer positiv sei - für sie, wie auch die Protagonisten von "The Face of Athletes", ein Vorbild. "Menschen mit Handicap haben leider immer noch sehr große Hürden zu überwinden, auch emotional. Deshalb wollte ich ein Projekt unter dem Motto ,Zusammenhalt statt Ausgrenzung' machen."

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Sie stellte ihre Idee "Anpfiff ins Leben" vor, gemeinsam entwickelten sie ein Konzept und machten sich an die Umsetzung. Die Shootings, bei dem neben Amputiertensportlern auch Jugend- und Profisportler wie Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen) oder Sebastian Rudy (TSG Hoffenheim) teilnahmen, fanden noch vor Corona statt, alles weitere ist verschoben.

Gerade mal sieben Monate nach der Amputation stand Rittersbacher vor Simons Hasselblad-Kamera. Mit den Bildern und seiner Geschichte möchte er Menschen Mut machen und ihnen zeigen, dass man auch mit einer Amputation sportlich aktiv sein kann. "Ich fände es schon schön, wenn in den Medien mehr als die Paralympics stattfinden würde. Diese Sportler verdienen mehr Präsenz", sagt Billa. Das sei auch ein Grund, warum sie beim Fotoprojekt mitgemacht habe: "Es ist ein kleiner Schritt, diese beeindruckenden Sportler in der Region etwas bekannter zu machen."