Fundamentale Fragen der Menschheitsgeschichte

Alexandra Busch ist die erste Frau an der Spitze der renommierten Forschungseinrichtung. Foto: Görlach

Die neue Mainzer RGZM-Chefin Alexandra Busch über das künftige Top-Gebäude, die Schärfung des Forschungsprofils und die Konzeption der Dauerausstellung im 166 Jahre alten Museum.

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MAINZ. Mit einem Familientag an diesem Samstag 3. November, 11 bis 16 Uhr, im Museum für Antike Schifffahrt feiert das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) den offiziellen Dienstantritt der neuen Generaldirektorin Alexandra Busch. Die 43-Jährige, in Neuss gebürtige Wissenschaftlerin tritt die Nachfolge von Falko Daim an, der das Haus 15 Jahre geleitet hat.

Frau Busch, wann haben Sie ihre Leidenschaft für die Archäologie entdeckt?

Mit fünf Jahren. Da bekam ich das Buch „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C.W. Ceram geschenkt. Ich konnte damals zwar noch nicht richtig lesen, aber die Ausgabe hatte besonders viele Illustrationen, die meine Neugier am Fach weckten. Ich begann in den Jahren danach viel über Archäologie zu lesen, und es war mir schnell klar, dass ich Archäologin werden wollte. Bei der Studienberatung in der Oberstufe sagte man mir dann, „mit diesem Fach werden Sie gleich arbeitslos“. Also habe ich zunächst in Gießen ein Psychologiestudium begonnen, es aber gleich wieder abgebrochen, um dann in Köln mein Wunschstudium aufzunehmen.

Wie man sieht, hat es sich gelohnt...

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Das RGZM zu leiten, eine der renommiertesten deutschen Forschungseinrichtungen für Archäologie, ist eine große Herausforderung und gleichzeitig ein Traumjob, der mir aufgrund der vielfältigen Tätigkeitsfelder, die Leibniz-Forschungsmuseen wie das unsrige abdecken, große Freude macht.

Sie sind in der 166-jährigen Geschichte die erste Frau an der Spitze. Motiviert Sie das zusätzlich?

Ich finde es schön, dass es mittlerweile möglich ist. Vor 20, 30 Jahren war es nahezu aussichtslos, als Frau in solche Leitungspositionen zu kommen. Ich glaube aber, dass jeder Mensch – egal ob Mann oder Frau – hochmotiviert ist, wenn er die Leitung einer Forschungseinrichtung mit solchen Potenzialen übernimmt.

Nach dem Richtfest im August soll der Neubau des RGZM 2020 bezugsbereit sein. Läuft alles nach Plan?

Ja. Im Sommer 2020 bekommen wir die Schlüssel übergeben. Die neue Dauerausstellung werden wir aber erst 2021 eröffnen, weil zunächst einmal die Labore und Werkstätten eingerichtet werden müssen. Bis dahin wird auch unsere Sammlung umgezogen sein. Wir werden das Haus aber vorab schon zugänglich machen und durch Veranstaltungen bespielen.

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Was bedeutet der 51,4 Millionen teure Neubau für die künftigen Arbeitsbedingungen und die Außenwirkung des RGZM?

Der Neubau ist in jeder Hinsicht ein Quantensprung für unser Haus. Das RGZM hat als Leibniz-Forschungsmuseum drei große Aufgabenfelder: die Forschung, Aufbau und Pflege von Forschungsinfrastrukturen wie den archäologischen Sammlungen, der Bibliothek, den Archiven, den Werkstätten und Laboren sowie der große Bereich des Wissenstransfers – mittels Ausstellungen, Veranstaltungen, Publikationen und der akademischen Lehre. Am bisherigen Standort haben wir nicht die Räumlichkeiten, auf allen drei Feldern so zu arbeiten, wie wir das können und wollen. Durch den Neubau können wir in allen drei genannten Bereichen neue Impulse setzen und damit eine viel größere Sichtbarkeit für das, was wir tun wie auch für den Wissenschaftsstandort Mainz, erzielen. Sowohl für die wissenschaftliche Gemeinschaft als auch für die breite Öffentlichkeit durch die neue Dauerausstellung. Wir haben eine der besten Spezialbibliotheken für Archäologie in Deutschland, die wir als Forschungszentrum weiter ausbauen. Im Moment sind wir reduziert auf 26 Arbeitsplätze. Im Neubau werden es 80 sein. Auch die Werkstätten entsprechen modernsten Standards. Die großzügigen öffentlichen Bereiche des Gebäudes ermöglichen eine Vielzahl unterschiedlicher Veranstaltungen.

Wie wird sich die Ausstellung künftig präsentieren?

Sie wird nicht chronologisch, sondern thematisch konzipiert sein. Damit fußt sie auf dem Gründungsgedanken des RGZM Mitte des 19. Jahrhunderts, der darauf abzielte, mit der Sammlung kulturübergreifende Studien zu ermöglichen. Wir forschen zu grundlegenden Fragen der Menschheitsgeschichte mit einer diachronen und interkulturellen Perspektive – also in verschiedenen Zeiten und Räumen. Dieser Ansatz soll sich in der Ausstellung abbilden. Es geht um menschliches Handeln und um die Faktoren, die menschliches Handeln in unterschiedlichen Epochen und Lebensräumen beeinflusst haben. Um das Spannungsfeld von individuellen Bedürfnissen und sozialer Eingebundenheit. Wir wollen Erfahrungsräume anbieten, an die die Besucher anknüpfen und an denen sie durch personale und mediale Vermittlungsformate teilhaben können. Schon vor der Ausstellungseröffnung werden wir eine Pop-up-Schau in der Innenstadt präsentieren.

Wie weit sind die Vorbereitungen für den Umzug gediehen? 220 000 Objekte müssen erfasst, gereinigt, verpackt werden...

Wir kommen gut voran, haben unser Team noch einmal verstärkt. Eine genaue Prognose kann ich Anfang nächsten Jahres abgeben. Bei der Erfassung der Exponate machen wir fast wöchentlich schöne Wiederentdeckungen.

Was sind Ihre Ziele und Perspektiven für die nächsten Jahre?

Von 2014 bis 2016 haben wir einen Prozess der strategischen Neuausrichtung durchlaufen, an dem ich intensiv mitgewirkt habe. Deshalb freue ich mich, dass ich die Entwicklung dieses Gesamtkonzepts weiter verfolgen und es nun auch umsetzen kann. Zentral ist die Weiterentwicklung und Schärfung unseres Forschungsprogrammes, das fundamentalen Fragen der Menschheitsentwicklung gewidmet ist. Dazu gehören Forschungen zur Mensch-Umwelt-Geschichte, zur Verhaltensevolution oder ein aktuelles Projekt zu Resilienzfaktoren, das der Frage nachgeht, was den Menschen widerstandsfähig macht. Wir forschen zu kulturellen und sozialen Praktiken sowie zu kulturellen Wandlungsprozessen und Dynamiken. Dazu zählen auch Migrationsbewegungen, die es seit Zehntausenden von Jahren gibt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte können unsere Forschungen zu einem besseren Verständnis solcher Prozesse beitragen – und vielleicht auch zum Sorgenabbau.

Wo sind RGZM-Wissenschaftler derzeit weltweit tätig?

Die Wissenschaftler des RGZM arbeiten in Afrika, Asien und Europa. Experten für Restaurierung und Konservierung sind gerade in Ägypten. Steinzeit-Spezialisten forschen in Armenien, China oder in Äthiopien. Andere Kollegen arbeiten zu jüngeren Epochen, etwa Byzanz, in der Türkei und in Nordafrika. Der konsequente Ausbau des internationalen Netzwerkes ist mir ein zentrales Anliegen.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt das RGZM?

An die 200. Davon arbeiten etwa 120 in beziehungsweise für die Forschung und in den Restaurierungs- und Konservierungswerkstätten. Hinzu kommen weitere Bereiche wie das Personal für den Museumsbetrieb, die Öffentlichkeitsarbeit oder unseren eigenen Verlag.

Sie sind Expertin für die Archäologie der römischen Provinzen. Welchen Stellenwert hatte Moguntiacum für das römische Imperium?

Nun ja, als Legionsstandort und Provinzhauptstadt war die Stadt von zentraler Bedeutung. Die archäologischen Hinterlassenschaften aus der römischen Kaiserzeit, etwa das größte Bühnentheater nördlich der Alpen, sind sensationell und müssen sich hinter Trier keineswegs verstecken.

Das Interview führte Michael Jacobs.