Wegen Corona: Zuschauer-Boom auf Streaming-Plattform Twitch

aus Coronavirus-Pandemie

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Die Plattform Twitch wird immer populärer – auch weil nicht nur die Gaming-Szene dort aktiv ist. Foto: adobe stock – Turan Sezer

Weil weltweit viele Menschen zuhause bleiben, wird die Plattform Twitch immer populärer. Wir erklären, was dahinter steckt – und empfehlen sieben etwas andere Twitch-Streamer.

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Mainz. Scooter gibt ein Live-Konzert, Saša Stanišić liest aus seinem Buch „Fallensteller“ und Künstler wie John Legend oder OneRepublic spielen ihre größten Hits. All das gab es in den vergangenen Tagen kostenlos zu sehen – als Livestream im Internet. Die Corona-Krise zwingt vor allem Künstler und Musiker dazu, ungewöhnliche Wege zu gehen. Um trotz abgesagter Konzerte ihre Fans zu erreichen, entscheiden sich momentan immer mehr Kreative dazu, ihr Publikum über das Internet anzusprechen. Neben Facebook, Instagram und Youtube greifen sie dabei immer öfter auf die populäre Streamingplattform Twitch zurück – deren Nutzerzahlen aktuell massiv steigen.

Twitch ist eine zu Amazon gehörende Website, auf der jeder entweder Live-Streams von anderen anschauen oder selbst eine Liveübertragung senden kann. Den überwiegenden Teil der Inhalte auf der Seite machen Gaming-Streams – Echtzeit-Übertragungen von Computerspielen – aus: Es gibt äußerst populäre Gesichter wie den US-Amerikaner „Dr Disrespect“, die jede Woche zehntausende Zuschauer mit ihren Übertragungen erreichen. Außerdem sehr beliebt: Streams der verschiedenen E-Sport-Wettbewerbe und -Ligen von Spielen wie Fortnite, League of Legends oder Counter Strike. Um ihrem Lieblingsteam beim kompetitiven Spielen des Ego-Shooters Counter Strike zuzusehen, schalten jeden Abend um die 60.000 Zuschauer ein – und das nur für den englischsprachigen Stream.

Die Zuschauer-Zahlen steigen

Normalerweise hat Twitch durchschnittlich um die 1,3 Millionen Zuschauer pro Tag. Laut der Statistikseite Twitchtracker, die die Nutzerzahlen von Twitch analysiert, waren es im März aber 1,6 Mio. – etwa 27% mehr Zuschauer als im gleichen Vorjahreszeitraum. Betrachtet man nur die letzte Märzwoche, waren sogar durchschnittlich knapp zwei Mio. Menschen auf der Plattform, Tendenz steigend.

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Die Ursache: Corona

Twitch und andere Streamingplattformen verzeichnen wegen der Corona-Krise einen starken Anstieg der Nutzerzahlen. Es gibt mehrere Faktoren, die den Zuwachs an Zuschauern befeuern. Einer der Hauptgründe ist, dass in den wichtigen Märkten für Twitch – USA, Deutschland, Südkorea – derzeit die Schule teilweise oder komplett ausfällt. Kinder und Jugendliche müssen zuhause bleiben und vertreiben sich die Zeit mit digitalen Medien. Das wirkt sich stark auf die Nutzerzahlen von Twitch aus. Es gibt keine nach Altersgruppen unterteilten Zahlen, aber man kann davon ausgehen, dass gerade die 13- bis 18-Jährigen in den vergangenen Wochen deutlich verstärkt auf Twitch unterwegs sind. Ein weiterer Grund für die steigende Popularität von Twitch und Co. ist, dass alle klassischen Sportwettbewerbe pausieren: Die großen US-amerikanischen Sportligen wie NFL und NBA, aber auch die europäischen Fußballliegen haben derzeit ihren Spielbetrieb unterbrochen, die Fortsetzung ist zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss. Die E-Sport-Ligen, in denen kompetitiv Computerspiele gespielt werden, müssen hingegen nicht pausieren: Ein Beispiel ist die europäischen League-of-Legends-Liga LEC. Dort wurde der Spielbetrieb zwar komplett in den Online-Bereich verlegt: das heißt die Spieler spielen nicht wie sonst in einem Studio mit Live-Kommentatoren gegeneinander – die Liga kann aber trotz Corona-Krise fortgesetzt werden. Das gleiche gilt für andere große E-Sport-Titel wie Counter Strike. In den vergangenen Tagen und Wochen konnte man deutlich sehen, dass die Zuschauerzahlen der Streams dieser Ligen nach oben gingen.

Nicht nur die Zahl der Zuschauer auf Twitch wächst, sondern auch die Zahl der Channels, also der Personen, die Inhalte auf der Plattform streamen. Im März gab es temporär mehr als 130.000 zeitgleicher Streams. Zum Vergleich: Im Februar lag der Höhepunkt bei knapp 50.000 Kanälen weniger. Auch der Durchschnitt der zeitgleich aktiven Kanäle stieg im vergangenen Monat stark an, wie der Graph zeigt.

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Viel mehr Zeit als sonst

Der Hauptgrund für diesen massiven Anstieg an gleichzeitig aktiven Kanälen ist vermutlich simpel: Aktuell sind viele Personen gezwungen, sich für deutlich mehr Zeit als sonst innerhalb der eigenen vier Wände aufzuhalten. Einen Stream auf Twitch zu erstellen und damit andere zu unterhalten, vertreibt die Langweile und kann zumindest eine Art sozialen Kontakt herstellen. Begrenzungen gibt es dabei keine: Während der eine seinen Workout daheim live ins Internet überträgt, filmt sich der andere beim Kochen oder lässt seine Zuschauer daran teilhaben, wie er einen IKEA-Schrank aufbaut. Außerdem müssen derzeit weltweit DJs, Musiker und Bands ihre Konzerte und Touren absagen. Um trotzdem ein großes Publikum und ihre Fans zu erreichen, entscheiden sich aktuell immer mehr Musiker zu spontanen Streams und Live-Konzerten: So hat der weltbekannte DJ Alan Walker ein Konzert auf der eigenen Website gestreamt und der Pop-Künstler Dermot Kennedy ein Benefiz-Konzert auf Instagram übertragen. Betroffen sind auch andere Kreative, wie zum Beispiel der Autor und Journalist Tom Hillenbrand. Er musste wegen der Corona-Krise im März 2020 seine Lesetour in Deutschland absagen. Um eine Alternative zu bieten, entschied sich Hillebrand dazu, Lesungen seiner Romane auf Twitch zu streamen.

Was aber macht Twitch so beliebt? Warum unterhält die Plattform so viele Menschen – nicht nur Teenager, aber auch Menschen mittleren Alters? Für viele Twitch-Nutzer ersetzt das abendliche Stream-Schauen nicht nur das Computer Spielen, sondern auch das Fernsehen: Inhalte wie Gaming und E-Sport sind im klassischen TV nach wie vor höchstens in Nischen-Sendern zu finden, während sie auf Twitch und vergleichbaren Portalen einen Großteil des Angebots ausmachen. Es gibt neben den inhaltlichen Differenzen aber einen Aspekt, der die Plattform grundsätzlich vom linearen TV und auch von Netflix und Co. unterscheidet: die Interaktion. Twitch bietet den Zuschauern verschiedene Möglichkeiten, miteinander oder auch mit der Person, die gerade streamt, zu interagieren. Der wichtigste Kanal ist hier der Chat: In jedem Stream läuft automatisch neben der Übertragung ein Live-Chat mit, in dem die Nutzer miteinander kommunizieren, den Stream kommentieren oder Fragen an den Streamer stellen. Falls dieser den Chat gerade liest, antwortet er direkt live auf die Fragen – und der Zuschauer bekommt das Gefühl, in das Geschehen eingebunden zu sein. Außerdem kann der Streamer seiner Zuschauer durch interaktive Elemente wie Abstimmungen, Umfragen oder Gewinnspiele einbinden. Wer sich erkenntlich zeigen will, kann für fünf Euro den Kanal des Streamers abonnieren oder einen Betrag spenden – entweder direkt oder indem er sogenannte Bits kauft, eine virtuelle Währung, die Nutzer gegen echtes Geld erwerben können. Diese Bits können die Nutzer dann ausgeben, um sogenannte Cheer-Nachrichten zu senden – der Streamer erhält dann einen Teil des Geldes.

Die Zuschauerzahlen von Twitch steigen also und die Plattform rückt, auch wegen der Corona-Epidemie, immer mehr aus der Gaming-Nische heraus. Da die Krise noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat – gerade die USA sind aktuell massiv betroffen – kann man davon ausgehen, dass die Popularität von Twitch und ähnlichen Streamingplattformen in den nächsten Wochen noch zunehmen wird.

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Von Paul Siethoff