Was passiert, wenn die Bienen sterben?

Die fleißigen Bienen sorgen für Bestäubung und sammeln Nektar für Honig – in Deutschland etwa 25.000 Tonnen pro Jahr. Foto: dpa

Demo gegen die Agrarindustrie und das Bienensterben. Foto: dpa

Ein Birnenhain in der chinesischen Provinz Sichuan. Es ist früher Morgen. Hunderte Menschen machen sich an die Arbeit. Sie tragen jeweils einen Bambusstock, an dessen Spitze ein paar Hühnerfedern befestigt sind und klettern damit in die Bäume. Es ist Anfang April und die zahlreichen blühenden Obstbäume müssen bestäubt werden. Bienen gibt es in Sichuan schon lange nicht mehr. Aufgrund des unkontrollierten Einsatzes von Pestiziden in den 80ern starben die Insekten aus. Seitdem übernehmen Wanderarbeiter den Job der Bestäuber, was viel Geld und Zeit kostet.

Was nach einem Horrorszenario aus der Zukunft klingt, ist bereits Realität. Seit Jahren beobachten Forscher den weltweiten Rückgang der Bienenpopulation mit Sorge. In den USA müssen jetzt schon 340.000 Hektar Mandelplantagen durch 1,5 Millionen wandernde Bienenstöcke bestäubt werden. Aber was sind die Gründe für das Bienensterben? Und droht auch Deutschland bald ein Land ohne Bienen zu werden?

Professor Dr. Bernd Grünewald, Leiter des Instituts für Bienenkunde der Polytechnischen Gesellschaft und der Frankfurter Goethe-Universität bleibt optimistisch: „So weit wird es nicht kommen“, meint der Wissenschaftler. Denn Honigbienen sind, zumindest in Deutschland, wieder zu beliebten Nutztieren geworden. Das zeigen die Mitgliederzahlen des Deutschen Imkerbundes (DIB), die seit acht Jahren ununterbrochen steigen. Ende 2015 gehörten dem Verband 103.370 Mitglieder an, ein Zuwachs von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Zahl der Bienenvölker steigt: Fast 700.000 Völker leben derzeit nach Angaben des DIB in Deutschland.

Aber trotz der Zuwächse der vergangenen Jahre ist die Anzahl der Zuchtbienenvölker langfristig stark zurückgegangen. So gibt es momentan in Deutschland nicht mal halb so viele Völker wie noch vor 65 Jahren. Und auch die Bestände der Wildbienen gehen kontinuierlich zurück. Dies liegt vor allem daran, dass sich das Lebensumfeld der Insekten in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verschlechtert hat: Immer mehr Flächen werden bebaut, betoniert, asphaltiert und befestigt. Für Pflanzen und Tiere bleibt weniger Platz.

Vor allem Wildbienen betroffen

Hinzu kommt, dass die Landwirtschaft vermehrt von Monokulturen geprägt ist. Dabei wird auf großen Flächen jeweils nur eine einzige Pflanze mehrjährig hintereinander angebaut. Dies erleichtert den Landwirten die Arbeit sowohl auf dem Feld als auch im Büro, weil sie weniger unterschiedliche Maschinen, Fachkenntnisse und Vermarktungswege brauchen als bei diversifizierten Anbaumethoden.

Die Bienen leiden jedoch unter dieser Entwicklung. In der früher verbreiteten Fruchtfolgewirtschaft standen nacheinander unterschiedliche Nutzpflanzen auf den Äckern. Das Nahrungsangebot für die Insekten war so gleichmäßiger über den Jahreslauf verteilt und vielfältiger als heute. Der Nahrungsmangel führt zu einem Rückgang der Bienen. Die einseitige Ernährung bewirkt zudem, dass das Immunsystem der übrigen Bienen geschwächt wird und sie so anfälliger für Krankheiten werden.

Die Honigbiene ist von diesen Entwicklungen weniger stark betroffen, da sie von ihren Imkern gepflegt und zugefüttert wird. Wildbienen hingegen haben in freier Natur immer schlechtere Überlebenschancen. Von den über fünfhundert Bienenarten in Deutschland stehen die meisten bereits auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Dabei sind Wildbienen für die Bestäubung von Pflanzen extrem wichtig. So haben verschiedene internationale Forscherteams nachgewiesen, dass Ernte und Gleichmäßigkeit der Erträge von Nutzpflanzen sich verbessern, je mehr unterschiedliche Insekten sie bestäuben.

„Honigbienen und auf bestimmte Blütenpflanzen spezialisierte Wildbienen finden im Frühjahr in der Regel noch reichlich Nahrung. Im Sommer und insbesondere im Spätsommer sieht dies anders aus“, sagt Siggi Schneider, Erster Vorsitzender des Imkervereins Wiesbaden. Denn nachdem der Raps geerntet ist, gibt es kaum noch Blüten auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen. Der Sommer ist jedoch besonders wichtig für die Bienenvölker, um sich Reserven für Herbst und Winter anzulegen. „Pollen beinhaltet viel Eiweiß und dieses ist für die Aufzucht der Brut unabdingbar“, erläutert Christoph Funk, Vorstandsmitglied des Imkervereins Rheingau.

Denn auch wenn die Bienen bei Temperaturen unter zwölf Grad nicht mehr ausfliegen, verbrauchen sie viel Energie. Sie halten keinen Winterschlaf. Ihre Hauptaufgabe in der kalten Zeit ist es, die Königin warm zu halten. Durch Vibration ihrer Muskulatur sorgen sie dafür, dass die Temperatur im Bienenstock immer um die 25 Grad beträgt. Für diese Aufgabe wird viel Honig als Energiespender gebraucht.

Hohe Sterberaten

Aber nicht nur die schlechter werdende Ernährung führt zum Rückgang der Bienenpopulation. Seit den 70er-Jahren hat die in Europa am meisten verbreitete Bienenart, die Westliche Honigbiene Apis mellifera, einen weiteren Feind: die Varroamilbe. Die Milbe vermehrt sich auf der Brut. Sie ernährt sich vom Blut der Bienen und schwächt sie. Außerdem überträgt sie Viruskrankheiten. Die Milbe gelangte von Bienen aus Asien über Russland nach Europa. „Die Varroamilbe sorgt für hohe Sterberaten“, erklärt Grünewald. Und das, obwohl die Imker die Milbe bekämpfen: „Sie behandeln die Bienenstöcke mit Ameisensäure. Sie ist für die Bienen unschädlich, aber für die Milben giftig“, erläutert Grünwald weiter. Aber trotz dieser Behandlungen bleiben die Milben ein Problem, da sie immer wiederkommen.

Während die Imker sich gegen die Milben noch aus eigener Kraft wehren können, sind sie gegen die Gefahr durch Pflanzenschutzmittel nahezu machtlos. „Wir haben im Vergleich zu den großen Chemiekonzernen keine Lobby und daher kaum eine Chance, unsere Forderung nach weniger bienenschädlichen Mitteln durchzusetzen“, sagt Christoph Funk.

Eines der weltweit am häufigsten genutzten Herbizide ist Glyphosat. Es steht derzeit stark in der Diskussion, da der Verdacht besteht, dass es für Menschen krebserregend sein kann. Wissenschaftler aus Deutschland und Argentinien haben zudem nachgewiesen, dass Glyphosat den Orientierungssinn der Bienen beeinträchtigt. Trotz dieser Kontroversen hat die EU-Kommission im Juli der Verlängerung seiner Zulassung europaweit zugestimmt.

Ähnlich sieht es mit den Neonikotinoiden aus. Forscher aus den Laboren von Bernd Grünewald und dem Mainzer Pharmakologen Professor Dr. Ignatz Wessler haben im Sommer dieses Jahres eine Studie in der renommierten Fachzeitschrift „PloS ONE“ veröffentlicht, die sich mit den Auswirkungen dieser hochwirksamen und weit verbreiteten Insektizide auf Bienen beschäftigt. „Junge Honigbienen, die für das Füttern der Larven zuständig sind, produzieren in ihren Futtersaftdrüsen den Botenstoff Acetylcholin“, erklärt Wessler. Dieser wird für die Entwicklung von der Made zur Puppe benötigt. Bereits in niedrigen Konzentrationen, hemmen Neonikotinoide die Bildung dieses Botenstoffs in der Futtersaftdrüse und behindern so die Larvenentwicklung.

Ohne Bienen kein Obst

„Bereits im Jahr 2013 kam die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in einem von ihr veröffentlichten Bericht zu dem Schluss, dass Pflanzenschutzmittel aus dieser Stoffgruppe ein Risiko für Bienen darstellen“, so Dr. Ignatz Wessler. Die jetzt nachgewiesene unerwünschte Wirkung sei ein erneuter Beleg für ihren schädlichen Einfluss auf Bienenvölker. Wessler hofft, dass dies bei der im Januar 2017 anstehenden Neubewertung der Substanzklasse durch die EFSA berücksichtigt wird.

In einer Welt ohne Bienen würden die Menschen nicht verhungern. Weizen, Mais oder Reis gäbe es weiterhin. Getreide braucht die fleißigen Insekten nicht zur Befruchtung. In einer Welt ohne Bienen müsste der Mensch aber auf Vieles verzichten. Obst zum Beispiel. Pralle, intensiv schmeckende Äpfel oder Tomaten gäbe es nicht mehr. Stattdessen nur schrumpelige, fade und teure Früchte. Auch Kaffee wäre Mangelware. Denn etwa ein Drittel aller Nutz- und Wildpflanzen – darunter auch die Kaffeepflanze – ist auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Ein vermehrtes Bienensterben würde deswegen sowohl beträchtliche ökonomische als auch ökologische Folgen haben.

Verbote und Einschränkungen für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln sind ein möglicher Lösungsansatz zum Schutz der Bienen. Grünewald ist allerdings der Meinung, dass zusätzliche Maßnahmen notwendig sind: „Die Politik muss finanzielle Anreize für die Bienenzucht schaffen, ähnlich wie bei der Subventionierung der Landwirtschaft.“ Deutschland befinde sich naturschutzmäßig auf einem guten Weg: „Obwohl unser Land sehr dicht besiedelt ist, haben wir sehr strenge Naturschutzregelungen.“

Man brauche nichtsdestotrotz mehr beweidete Flächen, auf denen nektarreiche Pflanzen wachsen und eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Imkern und Landwirten. „Denn nur so können wir verhindern, dass man zukünftig für Bestäubung bezahlen muss, wie dies in den USA bereits der Fall ist oder dass Menschen die Arbeiten der Bienen übernehmen müssen.“

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