Die tickende Zeitbombe: Klimawandel

Von Ute Strunk
Stellvertretende Redaktionsleiterin Leben/Wissen

Foto: georgejmclittle – stock.adobe

REGION - Wir haben nur noch wenige Jahre, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Es ist Zeit, ein paar neue Spielregeln aufzustellen, sagt die Klimaökonomin Claudia Kemfert in ihrem neuen Buch.

Frau Kemfert, ganz Deutschland bleibt aus Angst vor einem Virus zu Hause. Aus Angst vor dem Klimawandel tun nur wenige etwas.

Es sind durchaus viele, die etwas tun, aber sie sind leider wenig sichtbar. Deswegen sollten wir beherzter voranschreiten. Gerade in der Corona-Pandemie zeigt sich, was alles möglich ist. Wir haben viel gelernt: Auch Video-Konferenzen funktionieren; man muss nicht mal eben schnell irgendwohin jetten. Man kann auch mit dem Fahrrad in der Großstadt mobil sein; dank weniger Autos ist mehr Platz und die Luft ist sauberer. Es gibt etliche Parallelen zwischen Corona- und Klimakrise: Die Wissenschaft warnt schon seit langer Zeit. Auf Basis von modellierten Szenarien lassen sich geeignete Gegenmaßnahmen erarbeiten. Und Weitblick lohnt sich. Mit dem Handeln von heute verhindern wir die Krise von morgen.

Haben sich die Menschen an das Thema Klimawandel zu sehr gewöhnt, oder warum ist die Bereitschaft, etwas zu tun, gering?

Die Bereitschaft in der Bevölkerung ist da. Es fehlt an Entschlossenheit auf politischer Ebene. Bei der aktuellen Pandemie geht es um eine Perspektive von Wochen. Beim Klimawandel geht es um Jahrzehnte. Den Lohn der Anstrengung wird erst die nächste Generation einfahren. Diese Langfristigkeit ist eine Herausforderung. Doch Sommer mit Dürren machen den Klimawandel immer mehr erlebbar. Und „Fridays for Future“ hat den Blick auf die Welt verändert. Die Jugend hat ja recht, wenn sie deutlich macht, dass es um deren Zukunft geht und dass wir heute mehr tun müssen. Wir können aus der jetzigen Krise lernen. Momentan stärken die Jungen die Alten durch „Social Distancing“, um ungebremste Infektionen zu verhindern. Solche Solidarität brauchen wir umgekehrt beim Klima-Thema: Dann stärken die Alten die Jungen durch „Climate Justice“, um den ungebremsten Klimawandel zu verhindern.

ZUR PERSON

Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit. In ihrem neuen Buch gibt sie 120 Antworten auf Fragen und Problemstellungen zur Klimadebatte: „Mondays for Future“, Murmann Verlag, 200 Seiten, 18 Euro.

Die VRM-Story „So drastisch ist der Klimawandel wirklich“ [plus-Inhalt]

Es bleiben nur noch 10 Jahre, dann ist der Klimawandel nicht mehr umkehrbar. Besteht Grund zur Panik?

Nein, aber es besteht Grund zur Sorge, die in Entschlossenheit münden sollte. Denn noch haben wir es selbst in der Hand, umzusteuern. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es immer teurer und komplizierter, den Klimawandel aufzuhalten. Je früher man beginnt, desto eher erreicht man Erfolge und desto kostengünstiger wird es. Die Erderwärmung passiert schleichend, aber kommt an katastrophale Kipppunkte. Deswegen gilt wie bei der Pandemie auch beim Klima: flatten the curve! Die Kurve der Emissionen darf nicht so stark ansteigen, sondern muss über einen längeren Zeitraum gestreckt werden. Dann haben wir ausreichend Zeit, unsere Wirtschaft so zu umzubauen, dass wir die schlimmsten und irreversiblen Klimaschäden vermeiden können.

Brauchen wir verbindliche Klimagesetze?

Die Verhältnisse bestimmen das Verhalten. Dafür brauchen wir klare Rahmenbedingungen. Da ist die Politik gefordert. Auf globaler Ebene sind die wesentlichen Fragen bereits vereinbart: Es gibt global vereinbarte Nachhaltigkeitsziele. Das Pariser Klimaabkommen ist weltweit verbindlich ratifiziert. Deutschland hat einen Klimaplan; es gibt einen Green Deal in Europa. Jetzt geht es darum, all das in konkretes Handeln zu übersetzen. Da ist die Politik gefordert, etwa durch die Abschaffung fossiler Subventionen oder klimaförderliche Gesetze. Aber auch jeder und jede Einzelne ist gefordert, sich im Alltag politisch einzubringen. Wir müssen unzählige kleine Generationenverträge schmieden – ob in Unternehmen, im Verein, in der Familie.

Hier fehlt ein wichtiger Inhalt KOMPLETT LADEN

Auf Fleisch verzichten, Bus fahren, plastikfrei einkaufen: Kann der individuelle Konsument den Klimawandel mit solchen Maßnahmen stoppen?

Es ist absolut lohnend, zu schauen, wie sein eigener CO2-Fußabdruck ist und wie man den verändern kann auch in Richtung Kaufentscheidung für Klimaschutz oder ökologische Landwirtschaft. Doch wir sind an einem Punkt angekommen, wo verändertes Konsumverhalten allein den Klimawandel nicht mehr aufhalten kann. Das erkläre ich in meinem Buch. Darin finden sich keine Konsumtipps, sondern konkrete Ideen, wie man sich im Alltag an allen möglichen Stellen klimapolitisch einbringen kann. Deswegen beantworte ich über 120 Fragen zu unterschiedlichsten Dimensionen der Klimapolitik und mache 53 Vorschläge, was man konkret tun kann. Und das ist nur der Anfang einer To-do-Liste fürs Klima. Es gibt tausend Möglichkeiten, sich zu engagieren. Hauptsache, man kommt ins Handeln.

CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen werden sogar gefördert. Was läuft da falsch?

Da läuft einiges falsch. Tatsächlich gibt es in Deutschland noch immer umweltschädliche Subventionen in einer volkswirtschaftlich hochrelevanten Größenordnung: 58 Milliarden Euro kostet uns das pro Jahr. Dazu gehört die fehlende Mehrwertsteuer für internationale Flüge sowie eine viel zu niedrige Kerosinsteuer, die deutlich erhöht werden muss. Wir zahlen auch immer noch Subventionen für Kohleabbau in Deutschland. Das ist nicht zu verantworten. Wenn man schon etwas fördert, dann nicht klimaschädliches, sondern klimaschonendes Verhalten und Wirtschaften.


Hier fehlt ein wichtiger Inhalt KOMPLETT LADEN

Wer arm ist, kann sich weder Auto noch Urlaub leisten und trägt folglich nur wenig zum Klimawandel bei. Ist Klimaschutz nur etwas für Reiche?

Klimaschutz ist nicht nur eine Generationenfrage, sondern auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Menschen mit einem hohen CO2-Fußabdruck haben meistens mehrere Wohnungen, fliegen mehrfach im Jahr in den Urlaub oder haben mehrere Autos. Wir brauchen endlich Regelungen, dass diejenigen, die sich klimaschädlich verhalten, die Kosten ihrer Klimaschädigung bezahlen – und nicht die Allgemeinheit. Ideen dafür gibt es.

Wie können soziale Ungerechtigkeiten vermieden werden?

Eine allgemeine CO2-Steuer führt zu Preissteigerungen bei Benzin und Heizöl und belastet darum auch sozial Benachteiligte. Damit sehr einkommensschwache Haushalte die Kosten kompensieren können, empfehlen wir eine Klimaprämie, die pauschal ausgezahlt wird. Außerdem sollte mehr in klimaschonenden Verkehr wie in den Ausbau des ÖPNV und des Schienenverkehrs investiert werden, um allen Menschen eine bezahlbare Mobilität zu ermöglichen. Preiswerter ÖPNV ist auf jeden Fall sinnvoller als Abwrackprämien für Autos, die sich 30 Prozent der Menschen in diesem Land sowieso nicht leisten können.

Aus Sicht vieler Menschen auf dem Land wird bei ihnen die Natur mit Windparks zerstört, um den riesigen Energiebedarf der Städte zu stillen. Was sagen Sie denen?

So viele Menschen sind das gar nicht. Die Akzeptanzforschung zeigt, dass 80 Prozent der Menschen auf dem Land die Energiewende wollen und sie auch unterstützen. Hier macht eine Minderheit sehr viel Lärm – leider teilweise von professionellen Energiewendegegnern finanziell unterstützt. Verschiedene Studien zeigen zudem, dass die Akzeptanz der Windenergie in der Nachbarschaft steigt, wenn es finanzielle Ausgleiche gibt. Zum Beispiel indem die Windenergie produzierende Kommune selbst billigen Strom bezieht oder indem aus den erhöhten Steuereinnahmen lokale Schwimmbäder oder Schulen bezahlt werden.

Diese Webseite verwendet Cookies, um Dienste bereitzustellen, Anzeigen zu personalisieren und Zugriffe zu analysieren. Informationen darüber, wie Sie diese Webseite verwenden, werden an Google weitergegeben. Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.
Zustimmen