Alles Humbug: Verein kämpft gegen Astrologie und Homöopathie

Von Mara Pitz
Redakteurin Leben/Wissen

Astrologie, Esoterik und Homöopathie sind weit verbreitet. (Foto: AdobeStock – andriano_cz – Robert Przybysz fergregory – Parato – imogi – lcswart; dpa – Montage: vrm/fm)

Die Skepsis hat ein Zuhause: in Roßdorf bei Darmstadt, in einem tristen Industriegebiet, zwischen Ausfallstraßen und Flachdächern steht ein schnöder Neunzigerjahrebau. Dort, unterm Dach, sitzt die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, kurz GWUP. Ihre Mitglieder sprechen das „Gwup“ aus, was niedlich klingt. Dabei ist die Sache ernst. Denn der Verein hat große Ziele: Aberglauben widerlegen, Pseudowissenschaften entlarven und Scharlatanen das Handwerk legen.

Dafür organisiert die Gesellschaft Tagungen, betreibt einen Blog und bringt dreimal im Jahr die „Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken“, den „Skeptiker“ heraus. Seit 14 Jahren lobt die GWUP außerdem ein Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro aus für denjenigen, der unter reproduzierbaren Testbedingungen übernatürliche Fähigkeiten nachweist. Jedes Jahr im August gibt es eine Testreihe mit allen Kandidaten: Menschen, die behaupten, mit einem Pendel feststellen zu können, ob ein Hühnerei aus Bio-Haltung stammt, oder ob durch ein Kabel Strom läuft. Ein Mann kündigte an, er werde mithilfe eines Pendels und einer Karte von Würzburg herauszufinden, wo im Stadtgebiet die Tester zuvor einen Goldbarren vergraben hatten. Für eine Gruppe von Wünschelroutengängern wurde extra eine Art Kabine gebaut, unter der zwei Rohre liegen: eines, durch das Wasser läuft und eines, das leer bleibt. Insgesamt 56 Kandidaten haben seit 2004 bei den Tests mitgemacht. Die 10 000 Euro liegen immer noch auf dem Vereinskonto.

Im Dachgeschoss serviert Martin Mahner Pfefferminztee. Mahner, ein kleiner Mann mit wachem Blick, ist promovierter Biologe und die gute Seele der GWUP. Die Gesellschaft besteht aus mehr als 1 600 Mitgliedern in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die meisten sind Forscher mit verschiedensten Schwerpunkten, die sich mit dem Kampf gegen Para- und Pseudowissenschaften beschäftigen. Bei Mahner in Roßdorf laufen die Fäden zusammen. Er ist der einzige Hauptamtliche des Vereins. Mahner pflegt die Bibliothek, geht ans Telefon und beantwortet Anfragen. Stehen Gespräche an, trommelt er die passenden Ansprechpartner zusammen.

Keine wissenschaftlichen Beweise für Wirkung von Globuli

Am Tisch rühren Amardeo Sarma, Vorsitzender der GWUP, und Ärztin Natalie Grams in ihren Teetassen. Sarma ist 63 Jahre, studierter Elektroingenieur und heute Experte für IT-Sicherheit. Als junger Mann war der Deutsch-Inder fasziniert von Aliens und Ufos, „was in den Achtzigern ziemlich en vogue war“. Er las Erich von Däniken und wollte der Sache auf den Grund gehen. Die Faszination wich schnell Ernüchterung: „Die meisten Sichtungen ließen sich banal durch Phänomene wie Wetterleuchten, Heißluftballons oder Disco-Scheinwerfer erklären“, weiß Sarma seitdem. Doch seine Lust am Zweifel war geweckt. Nach dem Vorbild der Skeptikerbewegung in den USA mit ihrem Magazin „The Sceptical Inquirer“ rief Sarma 1987 die GWUP ins Leben, die bis heute in Sarmas Wohnort Roßdorf sitzt. Eine kleine Alien-Büste auf dem Tisch erinnert an die Anfänge.

Über vieles, mit dem sich die Gesellschaft seitdem beschäftigt, können die meisten Menschen allenfalls lächeln: zum Beispiel über die Vorstellung, die Regierung vergifte die Bevölkerung mit Kondensstreifen am Himmel („Chemtrails“), Angela Merkel sei in Wahrheit ein Reptil und die Erde eine Scheibe.

Doch auch massentauglichem Unsinn wollen die Skeptiker den Wind aus den Segeln nehmen. Ein Beitrag in ihrer Zeitschrift zeigt auf, dass die Annahme, klassische Musik mache Kinder schlauer, nicht wissenschaftlich belegt ist, dass aber sogar Musikpädagogen in Umfragen dieser und ähnlichen, ebenfalls nicht belegten Aussagen zustimmten. Ein anderer Text setzt sich kritisch mit „Charting“ auseinander – einer Methode, nach der Analysten Muster in den Kursen auf dem Finanzmarkt erkennen wollen und auf deren Basis Vorhersagen abgeben. Das Fazit des Experten: „Charting“ ist pseudowissenschaftlich.

Noch ein Beispiel für Schwachsinn, der sich hartnäckig hält: Der britische Arzt Andrew Wakefield, behauptete 1998, die Masern-Impfung könne bei Kindern Autismus verursachen. Seine These ist mehrfach widerlegt, Kollegen distanzierten sich von ihm, Wakefield verlor seine Zulassung als Arzt. Trotzdem wird die Aussage auch nach 20 Jahren noch von Impfkritikern verbreitet, moniert die Medizinerin Natalie Grams. Viele sehen darin einen Grund für sinkende Masern-Impfquoten.

Natalie Grams selbst war zehn Jahre lang Homöopathin mit florierender Praxis in Heidelberg. Doch als die heute 40-Jährige ein Buch über die Wirkung von Globuli schreiben wollte, fand sie keine wissenschaftlichen Beweise. Stattdessen die Einsicht: die Zuckerkügelchen sind nicht besser als Placebos. Seitdem versucht Grams, Kollegen und Laien aufzuklären. Eine Herkulesaufgabe: Sechs von zehn Deutschen haben schon mal Globuli geschluckt, so eine Allensbach-Studie, Tendenz steigend. Bei den Frauen sind es sogar 78 Prozent. In einer Infratest-Umfrage stimmte jeder Fünfte der Aussage zu, dass alternative Heilmethoden besser bei Gesundheitsproblemen helfen als die klassische Schulmedizin.

Astrologie ist die beliebteste Pseudowissenschaft

Grams sieht einen Grund dafür im gelockerten Arzneimittelgesetz, das mittlerweile homöopathische Mittel zulässt. Ihr Buch hat sie schließlich doch geschrieben: „Homöopathie neu gedacht: Was Patienten wirklich hilft“, erschienen im Springer-Verlag, ist ein Statement gegen Globuli und für mehr Menschlichkeit in der Medizin geworden.

Der Biologe Mahner beschäftigt sich mit Menschen, die glauben, Erdstrahlen oder Schwingungen fühlen zu können. Im Büro steht ein „Raumharmonisierer“, ein länglicher Holzkasten, gefüllt mit Vogelsand und Schotter, den ein selbst ernannter Experte einem Kunden verkaufte, in dessen Heim er schädliche Schwingungen ausgemacht haben wollte. Der Kasten neutralisiere die negativen Strahlen, so die Begründung. Kostenpunkt: 3000 Euro. Fragt man Mahner, was das für Menschen sind, die so schamlos aus Gutgläubigkeit Profit schlagen, nimmt er sie in Schutz: „Die meisten glauben selbst an das, was sie erzählen.“

„Alternative Fakten“ und Klimawandel-Leugner

Niemals hat die Welt Skeptiker nötiger gehabt als heute, wenn das Weiße Haus von „Alternativen Fakten“ spricht und der US-Präsident den Klimawandel in Zweifel zieht. Dass sie in Zeiten wie diesen gefragt sind, sorgt in der GWUP-Teeküche für strahlende Gesichter. Überhaupt sind sie überaus gut gelaunt, diese Skeptiker. Immerhin haben sie die Wissenschaft auf ihrer Seite. Doch große Teile der Bevölkerung gegen sich.

Die mit Abstand beliebteste Pseudowissenschaft ist die Astrologie: 47 Prozent der Deutschen glauben daran. Jedes Jahr wertet der Mainzer Mathematiker Michael Kunkel für die GWUP deswegen die Vorhersagen von Astrologen, Hellsehern und Wahrsagern für das zu Ende gehende Jahr aus. Ein Auszug aus den Prognosen: Der schiefe Turm von Pisa wird umfallen, Dänemark aus der EU austreten und ein Feuer im Buckingham Palace wüten. Vorhersagen wie „Erdbeben in Kalifornien“ oder „Schwangerschaft bei den Royals“ gelten nicht – zu wahrscheinlich. Die Analyse für 2018 wird für nächste Woche erwartet. Sonderlich gespannt auf die Ergebnisse ist die Teerunde nicht. Mahner: „Da steht jedes Jahr das Gleiche drin: Nichts hat gestimmt.“

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