Viel Applaus für Komponistin Lera Auerbach beim Rheingau Musik Festival

Lera Auerbach am Klavier, gemeinsam mit dem Münchener Kammerorchester unter Leitung von Alexander Liebreich. Foto: RMF

WIESBADEN - Die Komponistin Lera Auerbach hat zweifellos einen Hang zu Pathos und den dunklen Farben des Tragischen. Auf Schloss Johannisberg haben wir bereits ein Lamento für Cello und Klavier, ein "Adagio tragico" sowie ein gewichtiges "Adagio pesante" aus der Sonate für Violine und Klavier hinter uns. Da ist es fast schon eine willkommene Abwechslung, wenn in ihrer Transkription von Sergej Prokofjews Flötensonate op. 94 für Klaviertrio dem Cello eine Saite reißt, was Alban Gerhardt mit einem nicht zitierfähigen Kraftausdruck kommentiert.

Boxenstopp für das Cello

Boxenstopp also. Das Cello braucht eine neue Saite, und Cellistenmund tut Wahrheit kund: "Als ob der Abend nicht lange genug wäre!" Daniel Hope, ein vorzüglicher Geiger und ebenfalls nicht auf den Mund gefallen, nutzt die Zeit für eine Anekdote über einen rekordverdächtig schnellen Saitenwechsel. Die vierte Veranstaltung im Komponistenporträt des Rheingau Musik Festivals (RMF) wird in diesem Moment zu einem kleinen instrumentalen Theater, das leider nicht von Mauricio Kagel stammt.

Ein wenig sehnsüchtig denkt man nämlich zurück an den hintergründigen Witz Kagels, dem 1991 das zweite Komponistenporträt des Rheingau Musik Festivals gewidmet war. Nach Ligeti und vor Wolfgang Rihm, vor Schnebel, Reimann, Lachenmann und all den anderen Koryphäen der Nachkriegs-Musikgeschichte, deren Präsenz im Rheingau nicht zuletzt dem Einsatz des Wiesbadener Unternehmers Walter Fink zu verdanken war. In diesem Jahr nun ist eher neoromantisch orientierte Easy-Listening-Moderne angesagt, um die sich im ersten Porträt-Konzert bereits die Studenten der Frankfurter Musikhochschule tapfer bemüht hatten. Zitierfreudig zeigte sich das Streichquartett Nr. 3, "Cetera desunt", wobei die Vergangenheit bei der 1973 geborenen Komponistin mit russischen Wurzeln weniger als produktiv irritierendes Phantom (wie etwa bei Wolfgang Rihm) in das Werk hineinweht. Sie ist eher ein besitzergreifender Dauergast in einer Ausdruckswelt, an deren dramatisierenden Versatzstücken man sich im zweiten Kammermusikabend auf Johannisberg satthören darf: Die Klavierbässe grummeln gerne oberdüster, während auf den insistierenden Violin-Diskant irgendwann garantiert ein sirenenartiges Abwärtsglissando folgt.

Charmant instrumentiert immerhin ist Lera Auerbachs hübsche Mozart-Hommage "Eterniday", die das letzte der Porträt-Konzerte im Wiesbadener Kurhaus eröffnet. Hier beschwört die Komponistin die Ewigkeit mit himmlischen Celesta-Klängen: "Es klinget so herrlich" und begeistert wieder das Publikum.

Wie Jörg Widmann, dessen Interpretation des Mozart-Klarinettenkonzerts beim letzten RMF noch nachklingt, gehört Lera Auerbach zur selten gewordenen Spezies der Komponisten, die auch als Interpreten aufs Podium kommen. Dass sich hier im Vergleich zum genialischen Klarinettisten Widmann die instrumentalen Aha-Erlebnisse in Grenzen halten, zeigt auch dieser letzte Abend im Kurhaus.

In Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466, von Auerbachs offenbar improvisierten Kadenzen mit bedeutungsvoll sich gebärdendem Leerlauf aufgepumpt, bleibt vor allem der Mittelsatz bei wenig differenzierter Anschlagskultur unterbelichtet. Den interessanteren, historisch orientierten, geschärften Part liefern der Dirigent Alexander Liebreich und das ausgezeichnete Münchener Kammerorchester in Mozarts "Linzer" Sinfonie C-Dur, für die es ebenfalls herzlichsten Applaus gibt.

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